Ein G8-Gipfel zu Demenz, ein Konzert in Essen, ein Brief einer Angehörigen

Es war der Tag des G8-Gipfels der wichtigsten Nationen der Erde zum Thema Demenz, der Krankheit, die auf dem Wege ist zur "Hauptplage des 21. Jahrhunderts". Es soll die Pflege verbessert und das Sozialsystem auf die wachsenden Anforderungen vorbereitet werden. Und es soll der Stigmatisierung, die mit der Erkrankung vielfach einhergeht, begegnet werden.

Es war der Tag des Konzerts in der Philharmonie Essen, im schönen RWE-Pavillon, wo mehr als 200 Menschen mit und ohne Demenz ein vorweihnachtliches Konzert alter Musik, dargeboten von Musikern des WDR-Sinfonieorchesters lauschten. Dies war möglich, weil Kulturinstitutionen wie der WDR und die Philharmonie Essen ihre gesellschaftliche Aufgabe,  a l l e n  Menschen eine kulturelle Teilhabe zu ihren Angeboten zu ermöglichen, in Kooperation mit dementia+art und dem Demenz-Servicezentrum Westliches Ruhrgebiet beispielgebend wahrnahmen.


(Fotos: Riedemann)

Aber mehr als jeder Bericht über das stimmungsvoll und harmonisch abgelaufene Konzert, mehr als jede Schlagzeile über den weltweiten Kampf gegen Demenz und mehr als theoretische Entwürfe zum Nutzen kultureller Teilhabe von Menschen mit Demenz mögen die folgenden Zeilen einer Angehörigen aussagen, die mit ihrer Mutter das Konzert in Essen besucht hat...

"Ich habe mich auf das Konzert gefreut, ich habe mich praktisch darauf vorbereitet und ich habe die Stunde dort genossen, und ich denke noch gerne daran zurück. Insgesamt hatte ich also viele Stunden Freude an dem Konzert.
Für meine Mutter sieht das ganz anders aus. Für sie zählt der Moment, schon beim Anschnallen im Auto wusste sie nicht mehr, dass wir gerade ein Konzert besucht hatten. Und es hätte nicht viel Sinn gehabt, Tage vorher davon zu sprechen, weil es sie in Sorge versetzt hätte, wie wir dort hinkommen, usw. Dort aber bei der Ankunft in der Philharmonie und bei der Platzwahl war sie voller Vorfreude auf das, was uns dort geboten werden würde, denn dass wir uns in einem Konzertzahl befanden, war ja schnell auszumachen, das Cembalo stand auf dem Podest und wurde gestimmt. Ausserdem hatten wir das schön gestaltete Programm aus festem Papier in den Händen, und wir konnten schon ein bisschen schmökern, was wohl gespielt würde.
Meine Mutter erkannte den Saal wieder, ich weiss nicht ob sie wirklich schon einmal dort war, aber sie erzählte, sie sei einmal mit einem jungen Mann dort gewesen, sie war mit meinem Vater oft in Konzerten, ob sie sich daran erinnerte, ich weiss es nicht. Wir waren früh da, und mussten also länger warten, das Warten war aber kurzweilig, weil es viel zu sehen gab, es kamen Leute herein, und immer wieder hat sie den Saal in Augenschein genommen.
Es war für mich einfach sehr schön zu sehen, dass einige Eltern von ihren Kindern begleitet wurden, und da hatte ich auf einmal das sichere Gefühl, ich bin nicht alleine damit, für meine Mutter Nischen zu suchen, in denen sie Schönes erleben kann. Das weiss man ja durchaus, aber es tat mir gestern gut, das zu erleben. Und die Entlastung, mir gar keine Gedanken machen zu müssen, was ich tue, wenn meine Mutter sich anders verhält als es die Konvention in einem Konzertsaal vorgibt, diese Erleichterung war für mich fast unglaublich. Ich wusste von vorne herein, dass niemand meine Mutter verachten wird, oder neugierig kucken wird, wenn sie schon beim ersten Stück einschläft, oder sich die Nase mit dem Pulloverärmel abwischt, oder den Takt mitschlägt, oder etwas sagt, oder aufsteht, oder zur Toilette muss.
Und dann ist alles ganz ruhig verlaufen, und ich konnte mich der Musik hingeben, den wunderschönen sanften und belebenden Klängen, ich habe die Virtuosität der Musiker bewundert. Dass ich dabei die Nähe meiner Mutter spüren konnte, war ein besonderer Moment.
Es gibt auch im Pflegeheim Anlässe, die ich gerne mit meiner Mutter besuche, weil es ihren Alltag bereichert, es gibt aber selten Ereignisse, die ich über die Freude hinaus, dass es meiner Mutter gut tut, auch selber in vollem Umfang geniessen kann. Das erwarte ich auch nicht, aber umso schöner ist es, wenn es Veranstaltungen gibt, die man zusammen mit seinen Angehörigen besuchen kann, und die beiden Freude bereiten. Das ist Ihnen mit dem Konzert gestern wirklich gelungen."



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