Meine erste Führung für Museumsbesucher mit Demenz. Ein Erfahrungsbericht

[Abbildung: Museum Lothar Fischer]
Anja Schmickal ist freiberufliche Kunstvermittlerin im Museum Lothar Fischer. Das Museum ist in Neumarkt (Oberpfalz) und hat den Schwerpunkt 'Moderne Kunst'. Ihr Bericht schildert - nach einer ersten Annäherung an das Thema Demenz - den Versuch mit einer Führung in der Sammlung des Museums. Frau Schmickal spricht offen die Schwierigkeiten an, die das ungewohnte Format und die 'unbekannte' Zielgruppe in einem Haus mit dem Schwerpunkt Moderne Kunst mit sich bringen können.


Als freiberufliche Kunstvermittlerin führe ich Besucher jeden Alters, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, jüngere Senioren und Interessierte aus unterschiedlichen Kulturkreisen durch die Ausstellungen im Museum Lothar Fischer in Neumarkt i.d.Oberpfalz. Wir sind ein monographisches Haus mit 550 m² Ausstellungsfläche und dreimal im Jahr wechselnden Sonderausstellungen, die mit dem bildnerischen Denken des erklärten Tonbildhauers Lothar Fischers (1933-2004) in Dialog treten.
Meine erste Führung für Besucher mit dementiellem Hintergrund (Kunst & Kaffee plus) fand Ende 2017 während der Sonderausstellung „Max Beckmann auf der SPUR“ statt. Die Anzahl der Teilnehmer wurde auf vier RollstuhlfahrerInnen (Frontreihe) und vier FußgängerInnen (zweite Reihe versetzt) mit Begleitpersonen begrenzt.

Bei der Auswahl der vorzustellenden Objekte, die eine Teilhabe-orientierte Kunsterfahrung zulassen, hatte ich die Auswahl zwischen Lothar Fischers abstrakt-figürlichen Exponaten, großformatigen Lithografien oder kleineren Zeichnungen von Beckmann sowie Gemälden der Künstlergruppe SPUR (1957-1965).

Pros & Kontras der auszusuchenden Objekte

Die Lithografien der Beckmann-Mappe „Die Hölle“ von 1918/19 und die Gemeinschaftsarbeiten der Künstlergruppe SPUR, die Beckmanns Facettenstil rezipierten, ließen mich anhand ihres eher düsteren Sujets Abstand nehmen (Tod, Elend, Krieg, Martyrium, Enge etc.). Ihre Größe war ihr Vorteil.

Die Arbeiten Fischers befinden sich im Obergeschoss des Museums. Von Vorteil ist das Tageslicht, nachteilig ist der begrenzte Raum, seine Arbeiten in ihrer Abstraktion und in ihrem fehlenden narrativen Potential.

Für mich boten sich deshalb die Zeichnungen Beckmanns und eines seiner Aquarelle (Wohnzimmer des Künstlers, Frankfurt, um 1930) zur Teilhabe-orientierten Kunstvermittlung an, da von diesen aus an die Biografien der Besucher angeknüpft werden kann. Vorbereitet wurden: „Schlafende am Strand“ (Bleistift), Sujet einer Hochzeit „Hochzeit bei Kaulbachs“ (Bleistift), „Selbstbildnis als Rückenakt am Strand“ (Bleistift), Portrait „Naila“ (Pastellkreide), „Wohnzimmer des Künstlers, Frankfurt“.
Mir war durchaus bewusst, dass die Zeichnungen kleine Formate aufweisen und zur Entdeckung durch ältere Besucher schlechter zu erkennen sind. Daher bereitete ich große Kopien der Zeichnungen vor.

Unerwartete Schwierigkeiten

1.    Sitzpositionen:
Nicht nur erhöhte sich Anzahl der TeilnehmerInnen, sondern es ergab sich die Schwierigkeit, dass die Betreuer hinter ihren Schützlingen sitzen mussten, weil unsere Klappstühle für Museumrundgänge keine Rückenlehne haben. Dadurch wurden meine Sitzplatzpositionen für die Besucher konterkariert und die Sichtverhältnisse verschlechterten sich. Desweiteren ergab meine direkte Ansprache eines besseren Sitzplatzes Abwehrreaktion.

2.    Wechsel der Exponate:
Der häufige Platzwechsel (4 Exponate) erwies sich als belastend für die Teilnehmer wie mir die Betreuer mitteilten.

3.    Zu wenig Bildung (?)
Die Besucher gaben an den ersten zwei Bleistiftzeichnungen („Schlafende am Strand“ und „Hochzeit bei Kaulbachs“) meiner Empfindung nach nicht nur viele zu kurze Antworten, die sich zum Teil nur wiederholten, sondern konnten auch, wie befürchtet, in den Zeichnungen Details nicht erkennen. Dadurch erschien mir die Entdeckung an den Objekten zeitlich zu kurz und ästhetisch wenig intensiv. Es fand kaum ein Austausch statt.

Da das Aquarell „Wohnzimmer des Künstlers, Frankfurt“ – nach diesen kurzen ersten Einblicken – eine höhere Teilhabe ermöglicht, entschloss ich mich, meinen ursprünglichen Plan zu verändern und dieses, wie auch ein größeres Gemälde von der Gruppe SPUR, zu erkunden. Während die Besucher „positive Assoziationen“ zu dem Aquarell „Wohnzimmer“ von Beckmann äußerten, hatten sie am Gemälde des SPURisten Heimrad Prem „Geiseldrama“ Assoziationen an Tod und Sterben. Da die Gefühlsäußerung einer Besucherin von ihrer Betreuerin sofort 'abgeschmettert' wurde, war es mir nicht möglich, auf die Besucherin einzugehen. Aus einer bildungsorientierten Kunstvermittlung stammend hinderten mich auch die Blicke anderer Besucher, das Gemälde auf ästhetischer Ebene intensiver zu besprechen.

Resümee

Die „Kunst & Kaffee plus“-Veranstaltung beinhaltet neben der zielgruppenorientierten Führung auch im Anschluss im museumspädagogischen Raum des Museums ein gemeinsames Kaffeetrinken. Währenddessen kann ein weiterer Austausch stattfinden. Die Rückkopplung der Betreuer zu diesem neuen Kunstvermittlungs-format war insgesamt positiv, wenngleich die kleinen Formate der Exponate, die zudem noch museal bei reduzierten Lichtverhältnissen gezeigt werden mussten, sich aus meiner Sicht wie auch die ungünstige Klappstuhlbenutzung als problematisch erwiesen. Zur nächsten Führung werden Stühle mit Lehnen zur Verfügung gestellt, so dass keine direkte Ansprache zur Platzwahl und die damit einhergehende Lenkung nötig sind.

Zu allgemeine und „Warum-Fragen“ durch mich überforderten die Teilnehmer. Fragen wie: Was ist hier zu erkennen? Oder: Warum sehen sie das so oder so? konnten nicht beantwortet werden.

Welche Fragen dürfen in einer Teilhabe-orientierten Kunstvermittlung gestellt werden und welche Fragen sind Bestandteil einer bildungsorientierten Kunstvermittlung? Durch eine Teilhabe-orientierte Kunstvermittlung sollen die zu besprechenden Werke in ästhetischer Hinsicht eine größere soziale Tiefe bekommen (Schmauck-Langer). Aber wenngleich die Teilnehmer das Objekt nicht „so“ intensiv erarbeiten, wie die Kunstvermittler dies aus Erfahrung mit anderen Gruppenführungen gewohnt sind, liegt darin eine Schwierigkeit: im Aushalten mit der Gruppe zusammen, ihre Zeit und Erfahrungswelt zu Wort kommen zu lassen, auch wenn dieses nur in kurzen, knappen, sich wiederholenden Worten und Sätzen erfolgte.

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