Kultur und Demenz: Eine Schulung von dementia+art im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg

Bei Wikipedia heißt es: Das Germanische Nationalmuseum (GNM) in Nürnberg ist das größte Museum zur Kultur, Kunst und Geschichte des deutschsprachigen Raums von der Frühzeit bis zur unmittelbaren Gegenwart. Es beherbergt rund 1,3 Millionen Objekte.

Jochen Schmauck-Langer von dementia+art war eingeladen, dort eine 2-tägige Weiterbildung zu geben zum Thema "Führungsangebote für Menschen mit Demenz". Ein besonderer Dank gilt Nina Gremme von der Angehörigenberatung Nürnberg e.V., die als Koordinatorin des Projekts "Dialog: Kultur und Demenz" die Fortbildung im Germanischen National Museum initiiert und wesentlich gefördert hat..

Ort der Schulung war das KPZ, das Kulturpädagogische Zentrum, das direkt im GNM gelegen ist. Gut ein Dutzend MitarbeiterInnen aus dem Bereich Museumspädagogik nahmen teil, darunter auch der Leiter des KPZ, Dr. Brehm, und deren Stellvertreterin, Frau Dr. Mack-Andrick.

[Sammlungsbereich 19. Jhdt. - C Wiki / Pirkheimer, GNM]

THEORIE UND PRAXIS

Die Weiterbildung hatte einen theoretischen und einen praktischen Teil. Die 'Theorie', in Form von Bedingungen und Voraussetzungen kultureller Teilhabe für Menschen mit Demenz, wie dementia+art sie aufgrund der eigenen Erfahrungen in zahlreichen Museen und Kultureinrichtungen empfiehlt, war Gegenstand einer lebhaften Diskussion. Im ständigen Austausch wurden dabei gemeinsam die 'Basics' erarbeitet.

Viel Wert gelegt wurde auf das WARUM kultureller Teilhabe für Menschen mit Demenz: von demographischen Veränderungen, über rechtliche Voraussetzungen (Stichwort 'Inklusion') bis hin zu neurologischen Auswirkungen.

Von großer Bedeutung war zudem der stetige Rekurs des Referenten auf das Krankheitsbild Demenz, mit den (möglichen) Einschränkungen im kognitiven Bereich, aber auch mit den verbleibenden Ressourcen: Denn wenn die Verstandeskräfte nachlassen nutzen Menschen mit Demenz ihre Emotionen, um mit Welt und sozialer Umgebung zu kommunizieren. Unsere Aufgabe ist es, dies zu verstehen - und zu nutzen.

PARADIGMENWECHSEL

Um dies zu können, ist es notwendig und im Sinne der Zielgruppe hilfreich, der Museumspädagogik (die für diese Zielgruppe eine Museumsgeragogik werden sollte...) die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels vor Augen zu führen: Der klassische 'Bildungsauftrag' einer Kultureinrichtung sollte - zumindest ab einer mittleren Phase der Demenz mit ihren deutlichen kognitiven Einschränkungen - zurücktreten zugunsten einer Stärkung der aktuell verbliebenen Ressourcen.

Jochen Schmauck-Langer verdeutlichte dies durch eine Darstellung der wesentlichen Funktionen unserer Gedächtnisses sowie einer Einführung in eine lebensweltlich-orientierte Kommunikation, um das Erleben und Empfinden von Menschen mit Demenz nachvollziehbar zu machen.

INKLUSION

Für den Heidelberger Gerontologen Andreas Kruse ist die Kultur mit ihren emotionsnahen Angeboten (Musik bewegt, Bilder sind ikonografisch verankert etc.) besonders geeignet, noch verbliebene "splits of identity" bei Menschen mit Demenz anzusteuern. Die Museen leisten sodann mit ihrem gesellschaftlichen Engagement für die immer größer werdende Gruppe von Betroffenen einen wichtigen Beitrag, indem sie kulturelle Teilhabe an öffentlichen Orten der 'Hochkultur' ermöglichen. Sie tragen so dazu bei, die medizinisch geprägte Defizitdarstellung von Demenz zu verändern.  

Am nächsten Tag folgten die praktischen Übungen im Germanischen Nationalmuseum, im Sammlungsbereich 19. Jahrhundert. Die Teilnehmer der Weiterbildung hatten die Aufgabe, auf der Basis der am Vortag gewonnenen Erkenntnisse Objekte für eine mögliche Führungslinie auszuwählen. Über Bilder (und dazu passende musikalische Akzente) sollten mittels einer lebensweltlich angepassten Kommunikation 'gute' und tief verankerte Gefühle Erinnerungen, Erfahrungen angesteuert werden - Basis für ein wertschätzendes Gespräch.

PRAXIS IM MUSEUM

Die Ergebnisse wurden gemeinsam besprochen, wobei die Gruppe als Menschen mit Demenz mit deutlichen kognitiven (und motorischen!) Einschränkungen fungierte. Schnell wurde deutlich, wie herausfordernd es für die Vermittlungsprofis im kognitiven Bildungsbereich war, von ihrer ureigenen Profession einmal streckenweise absehen zu sollen und sich für diese Zielgruppe auf einen lebensweltlichen Zugang zu beziehen...

Da war viel engagiertes "learning by doing" festzustellen und nicht minder viel Freude dabei, sich auf ein innovatives und spannendes Feld der Vermittlung einzulassen. Denn deutlich wurde auch, dass eine solche Vermittlung ebenfalls ein erster Einstieg für andere Gruppen unserer Gesellschaft sein kann, die über wenig kulturelle Erfahrungen verfügen.

HEMMSCHWELLEN ABBAUEN, TEILHABE ERMÖGLILCHEN

Zu den Aufgaben der 'Hochkultur' gehört es Hemmschwellen abzubauen. dementia+art sieht sich grundsätzlich als Vermittler zwischen den beiden Bereichen Kultur und Demenz und schafft die dafür notwendigen Netzwerke. Hemmschwellen abbauen und Teilhabe ermöglichen  a u c h  für den Bereich Pflege/Betreuung (etwa um als 'Kulturbegleiter' mit "ins Boot" genommen zu werden), verweist unmittelbar auf nachhaltige Strukturen kultureller Teilhabe.

Hatte am Anfang noch die (rhetorische) Frage im Titel der Weiterbildung gestanden: "Geht das überhaupt?"...so war man sich am Ende der beiden intensiven Theorie- und Praxistage einig: Kulturelle Teilhabe und Museumsführungen für Menschen mit Demenz: Ja das geht!

 

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