Klassikkonzert für Menschen mit Demenz - "Ein Niesanfall stört hier keinen"

Rund 80 Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen kamen zu einem Kammerkonzert mit dem WDR Sinfonieorchesters und der Initiative dementia+art in Köln. Wir haben eine Besucherin und ihre Betreuerin begleitet.

Von Kati Borngräber und Susan Kertscher (Fotos)


Marlis Vogel und Regina Schlimkowski sind spät dran. Viel zu langsam schlängelt sich ihr silberner Daihatsu Cuore durch die Kölner Innenstadt. Als sie das Gelände des WDR-Funkhauses am Wallraffplatz erreichen, ist es schon fast 15 Uhr. Regina Schlimkowski bugsiert Marlis Vogel vom Beifahrersitz in den Rollstuhl und schiebt sie zügig durch den Eingang zum kleinen Sendesaal.

Gerade noch rechtzeitig erreichen die beiden Frauen ihre Plätze in der ersten Reihe. Sie blicken sich um. Der holzvertäfelte Raum ist gut gefüllt. In neun Reihen sitzen etwa  80 Senioren mit erwartungsvollen Gesichtern, dazwischen rund 50 Betreuer, Pflegekräfte und Angehörige. Im Mittelgang haben Rollstuhlfahrer Platz, an den Wänden parkt ein gutes Dutzend Rollatoren.

Gemeinsamer Konzertbesuch: Marlis Vogel (links) und ihre Betreuerin Regina Schlimkowski

Anlässlich des Weltalzheimertages haben der WDR und dementia+art Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen im September zu einem Kammerkonzert eingeladen. Es ist das zwölfte Mal, dass die Kölner Initiative zusammen mit Musikern des WDR Sinfonieorchesters ein einstündiges Programm anbietet, das speziell auf die Bedürfnisse von demenziell Erkrankten ausgerichtet ist.

Spielen für den Moment

Es wird still im Saal, als ein Mann im Samtsakko die Bühne betritt und das Publikum begrüßt: „Für viele von Ihnen war das ein langer Weg – schön dass Sie da sind!“ Es ist Jochen Schmauck-Langer, der Geschäftsführer von dementia+art. „Was haben Sie gemacht“, fährt er fort„als Sie 18 waren? Rock n' Roll getanzt? Petticoat getragen? Moped gefahren? - Mendelssohn hat dieses Quartett komponiert.“.

In der Mitte der Bühne haben vier junge Frauen mit Streichinstrumenten Platz genommen. Alwina Kempf (Geige), Akari Azuma (Geige), Lisa Walther (Bratsche) und Lisa Rößeler (Cello) sind Mitglieder der Orchesterakademie des WDR Sinfonieorchesters. Die Stipendiatinnen haben sich freiwillig dafür gemeldet, bei diesem Konzert dabei zu sein. „Mich hat der Gedanke fasziniert, dass wir vor allem für den Moment spielen, da sich manche Besucher vielleicht hinterher nicht mehr daran erinnern – das macht das Erlebnis besonders wertvoll“, sagt die Cellistin Lisa Rößeler.

Kulturelle Teilhabe

Gegenwärtig leben bis zu 1,6 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland, berichtet  das Bundesministerium für Gesundheit. Bis 2050 könnte sich die Zahl verdoppeln. Nordrhein-Westfalen, das bevölkerungsreichste Bundesland,  hat nach Angaben der Deutschen Alzheimergesellschaft mit mehr als 320.000 Betroffenen die höchste Zahl an Demenzkranken.

Für viele Menschen ist das Leben mit der Diagnose Demenz eine große Belastung. Sie empfinden Scham, fühlen sich ausgegrenzt und ziehen sich aus dem sozialen und gesellschaftlichen Umfeld zurück. Hier setzt die Arbeit von dementia+art an. „Wir haben Angebote für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen entwickelt, um ihre Teilhabe am kulturellen Leben zu ermöglichen“, sagt Jochen Schmauck-Langer.

Vorstellungsrunde: Jochen Schmauck-Langer befragt Cellistin Lisa Rößeler (links: Lisa Walther)

Vertraute Atmosphäre

Wie vor jedem Konzert bittet er die Musikerinnen auch heute, sich zunächst kurz vorzustellen und ihre Instrumente anzuspielen. „Ich versuche, zwischen dem Publikum und den Protagonistinnen auf der Bühne eine persönliche Beziehung herzustellen“, sagt Schmauck-Langer. Und tatsächlich: Die Atmosphäre im Saal wird spürbar vertrauter. Als die ersten Takte des „Adagio – Allegro vivace“ von Feix Mendelssohn-Bartholdy erklingen, schließen einige Besucher die Augen. 

Das Streichquartett besteht aus vier Sätzen. Eine Dame in der zweiten Reihe tut ihre Begeisterung immer wieder mit Zwischenrufen kund: „wunderbar“, „schön“, „spielen sie noch eins?“. Eine andere Besucherin findet die Musik „furchtbar“ und will raus. Nach dem zweiten Satz verlässt sie mit einer Betreuerin den Saal.

„Viele Menschen mit Demenz genießen es sehr, ein Klassikkonzert zu besuchen. Je nach individueller Biografie kann es aber auch negative Reaktionen geben, schließlich hat nicht jeder den gleichen Musikgeschmack“, sagt Musikwissenschaftlerin Elisabeth von Leliwa, die sich bereits in mehreren Projekten mit Musik und Demenz beschäftigt hat. „Wichtig ist es, aufmerksam zu sein und auf die Bedürfnisse und die Befindlichkeit des Publikums einzugehen.“ Die Angebote kommen ihr zufolge vor allem gut an bei Personen, die sich schon vor der Demenzerkrankung für klassische Musik interessiert haben. „Aber auch Menschen, die früher sehr unternehmungslustig und aufgeschlossen gegenüber Neuem waren, haben erfahrungsgemäß Freude daran“, so von Leliwa.

Kultur erleben: Publikum des Kammerkonzerts im WDR-Funkhaus am Wallrafplatz

Unpassende Äußerungen? Gibt es nicht!

Marlis Vogel hat klassische Musik immer gemocht. Während des gesamten Konzerts beobachtet sie aufmerksam, was auf der Bühne vor sich geht. „Das ist ein gutes Zeichen – bei längeren Veranstaltungen fallen ihr sonst oft die Augen zu“, sagt Regina Schlimkowski. Die ausgebildete Alltagsbegleiterin betreut die demenzkranke 83-Jährige, die zuhause von ihrer Tochter Ursula Vogel gepflegt wird.

Von den kulturellen Angeboten von dementia+art hat sie über den Newsletter (Anmeldung unter www.dementia-und-art.de) erfahren und zusammen mit Marlis Vogel bereits eine Museumsführung sowie mehrere Klassikkonzerte besucht. Was sie daran schätzt? „Ich brauche keine Angst zu haben, dass sie etwas unpassendes tut oder sagt. Auch ein Niesanfall stört hier keinen“, so Schlimkowski.

Gemeinsam singen

Zum Abschluss spielen die Streicherinnen die Lieder „Am Brunnen vor dem Tore“ und „Nehmt Abschied, Brüder“. In den Stücken geht es um Abschied – für viele ein sehr berührendes Thema. Jochen Schmauck-Langer lädt zum Mitsingen ein. Die Texte stehen im Programm, das zu Beginn alle bekommen haben. Die Melodien sind den meisten Besuchern bekannt. „Es war sehr beeindruckend, mit welcher Kraft das Publikum gesungen hat“, sagt Cellistin Lisa Rößeler nach dem Konzert.

Applaus: Bei den meisten Besuchern kommt das Streichquartett offensichtlich sehr gut an

Marlis Vogel singt nicht mit. Als sie später angeschnallt im Auto sitzt, hat sie vielleicht schon vergessen, was sie am Nachmittag gemacht hat. Vielleicht aber auch nicht. „Als ich meine Mutter nach dem allerersten Konzertbesuch fragte, wie es gewesen sei, lächelte sie mich an und sagte: ‘zu kurz’“, berichtet Ursula Vogel. Und Regina Schlimkowski ergänzt: „Ich lasse das Programm immer noch eine Weile auf dem Wohnzimmertisch liegen, um die Erinnerung zu bewahren.“ Selbst wenn das nicht gelingt, haben die beiden Frauen den Konzertbesuch offensichtlich genossen. Allein dafür hat sich der Ausflug gelohnt.

Nächstes Konzert am 9. Dezember 2015 um 15 Uhr

Möchten Sie auch mit Ihren Angehörigen ein Klassikkonzert des WDR Sinfonieorchesters besuchen? Dann haben Sie dazu am 9. Dezember 2015 um 15 Uhr im WDR-Funkhaus am Wallraffplatz in Köln Gelegenheit. Der Eintritt ist kostenlos. Für Informationen und Anmeldungen kontaktieren Sie Jochen Schmauck-Langer (Mobil: 0157 88 34 58 81, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!).

Mehr Informationen:

dementia+art im Internet: www.dementia-und-art.de, auf Facebook:facebook.com/dementiaundartund auf Twitter: @dementiaundart


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