Affenberge - Erinnern, Vergessen, Gefühl oder Verstand?

Unsicher und angespannt betrete ich den Kleinen Sendesaal, wo eines der Kammerkonzerte stattfinden soll, die das WDR-Sinfonieorchester zusammen mit dementia+art für Menschen mit Demenz anbietet. Im Saal waren etwa 90 Zuhörer, davon etwa 60 Menschen mit dementiellen Veränderungen, die zumeist in kleinen Gruppen aus dem Raum Köln und den angrenzenden Kreisen angereist waren. Das Durchschnittsalter gut 80 Jahre. Viele hatten deutliche kognitive und physische Einschränkungen, auf die das barrierefreie Format von Anfang an in Logistik, Musikauswahl und Moderation einzugehen versucht.

Das Konzert am 17.5. von 15 bis 16 Uhr hatte zwei klassische Musikteile, die beide aus dem aktuellen Programm des WSO stammten. Zum Schluss waren zwei Volkslieder vorgesehen, die gemeinsam von den Anwesenden gesungen und gespielt werden. Das erste Klassikstück stammte aus einem Streichquintett von George Onslow (1784 - 1853), ein seinerzeit erfolgreicher französischer Komponist, der auch in Köln gastiert hatte und von Zeitgenossen immerhin als der französische Beethoven bezeichnet wurde.

Wilde Nacht

Das zweite Stück war von einem tschechischen Komponisten der Vorkriegszeit: Pavel Haas (1899 - 1944), der mir zuvor freilich ebenso unbekannt war wie der ursprünglich aus England stammende Franzose George Onslow. Von ihm sollte etwas aus seinem Streichquartett "Von den Affenbergen" zu hören sein, nämlich die 'Wilde Nacht'. Letzterer konnte fakultativ ein Schlagzeug beigegeben werden - was auch sehr eindrucksvoll geschah!

In der Vorbereitung auf eine Moderation, die versucht, eher vertraute Kontexte der jeweiligen Musik aufzugreifen (Jahreszeit, Gefühle, Alltagserfahrungen...), las ich, dass die Affenberge nicht in Afrika zu vermuten waren. Vielmehr hatte eine beliebte Ausflugsgegend in der Nähe des tschechischen Brünn diesen Namen. Das Stück von Pavel Haas war eine beschwingte Landpartie, mit zart-romantischen Tönen bis hin zu dramatischem Gewitterdonner. Aber das war noch relativ vertraut.

Haas war einer der modernen Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts, die auf die Brüche der Zeit (Industrialisierung und Massengesellschaft, 1. Weltkrieg, radikale Nationalismen...) mit anderen Tönen antworteten als noch das Jahrhundert zuvor. Das heißt, es gab eher ungewöhnliche Hörerlebnisse.

Jude, Nazis, Auschwitz

Hinzu kam, dass Pavel Haas Jude war und 1944 allein aus diesem Grund wie Millionen andere in Auschwitz von den Nazis umgebracht worden war. In einem Wikipedia-Eintrag zu ihm ist eine Abbildung eines ‚Stolpersteines‘ vor seiner letzten Wohnstätte in Brünn. Darauf heißt es (auf Tschechisch, in Übersetzung): HIER LEBTE PAVEL HAAS GEB. 1899 DEPORTIERT 1941 NACH THERESIENSTADT ERMORDET 1944 IN AUSCHWITZ

Das WDR Sinfonieorchester hatte das Stück ohne Zweifel auch ins Programm genommen, um an das Schicksal dieses Komponisten zu erinnern. (Kurz zuvor war im Übrigen eine große Ausstellung zu Otto Freundlich im Museum Ludwig gezeigt worden: Auch dieser "entartete" jüdische Maler und Bildhauer war von den Nazis 1944 ermordet worden.)

Von Haus aus Historiker habe ich mich intensiv mit deutscher und jüdischer Geschichte beschäftigt. Sollte ich also aus einer 'aufgeklärten' Haltung heraus etwas zum Anlass und zum Schicksal des Komponisten sagen? Oder sollte ich es verschweigen? Vielleicht aus einer ebenso 'aufgeklärten' Haltung heraus, nämlich der Kenntnis über das Krankheitsbild bei Demenz und darüber, dass hochaltrige Menschen dieser Generation häufig an traumatischen Erfahrungen (Nazizeit/Krieg/Flucht...) leiden, die gerade bei dementiellen Veränderungen schon durch geringe Anlässe aufbrechen können und dann kaum zu steuern sind... Dieser Widerstreit war der Grund für meine Anspannung.

Das eine tun und das andere...

In der Anmoderation erzählte ich also, dass Pavel Haas ein bekannter tschechischer Komponist der Vorkriegszeit gewesen sei, dass er überdies Jude war und dass in dieser Zeit für die Nazis allein schon dieser Umstand ausreichte, ihn – wie viele andere Menschen auch – in Auschwitz zu ermorden.

Da es bis dahin keine spürbare Reaktion im Kleinen Sendesaal gab, fuhr ich fort: dass wohl allen Anwesenden bekannt sei, wie flüchtig der Umgang mit der Erinnerung sein könne und dass ich es deshalb großartig fände, wie eine jüngere Musikergeneration an das Werk eines solches Mannes erinnere. Das Streichquartett „Von den Affenbergen“ sei viele Jahre vor diesen schrecklichen Ereignissen entstanden, Pavel Haas sei damals noch ein junger Mann gewesen, und die Affenberge seien ein beliebtes Naherholungsgebiet gewesen. In der Musik gehe es also um Eindrücke während einer beschwingten Reise aufs Land...

Gespielt wurde der letzte Satz, die ‚Wilde Nacht‘ und das Schlagzeug sorgte eindrucksvoll für die dramatische Zuspitzung. In Pavel Haas' neoklassischer Musik tauchen auch gelegentliche Jazz-Elemente neben Volksliedtönen oder jüdischen Traditionen auf, Töne und Rhythmen können sich überlagern. Mir gefiel dieser 'Kompositionssound' der 20er Jahre, ich empfand ihn als spannend. Zugleich war mir klar, dass diese Musik nicht unbedingt den Hörgewohnheiten sehr alter Menschen entsprach.

Am Ende freundlicher Applaus.  Bei den beiden ‚frühlingshaften‘ Volksliedern am Ende des Konzerts mischte sich wieder - empfindsam improvisierend – das Schlagzeug in das Quartett der Streichinstrumente und trug zum (traditionell) emotionalen Höhepunkt des Konzertnachmittags bei.

Erinnern oder Vergessen

Demenz stellt vieles auf den Kopf, sodass es nicht mehr eindeutig ist. Vieles erscheint ungewiss und wir erfahren oftmals, dass wir ‚aufgeklärt‘ ziemlich danebenliegen können. Ob meine Moderation ein Ausdruck des Verstandes war oder des Gefühls, ob ich die Besucher mehr im Blick hatte oder Pavel Haas – ich hätte es nicht sagen können.  Demenz greift oftmals in unser gewohntes, kognitiv-abgesichertes Verhalten in einer Weise ein, dass uns nur Annäherungen bleiben an das, was ‚richtig‘ sein könnte.

Übrigens ergab die Evaluation später, dass die Moderation (‚Jude‘, ‚Nazis‘) kein Thema des Anstoßes gewesen war, wohl aber die ‚herausfordernde‘ Musik an sich. Man wünschte sich wieder etwas, das vertrauter war.

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