Newsletter 2_2017 Hebammenkunst

Sehr geehrte Damen und Herren,

meine  bisher jüngste Teilnehmerin war eine Frau, die gerade 50 Jahre geworden war. Alzheimer. Lange war mir nicht klar, ob sie zu den Betreuenden der Gruppe gehörte oder einer unserer ‚besonderen’ Gäste war. Die älteste war eine 102 Jährige, sehr vital, mit leichten kognitiven Eintrübungen. Das Durchschnittsalter aller liegt gewiss über 80 Jahre. Arbeiter, Hausfrauen, ehemalige Professoren und Ärzte. Gut erinnere ich mich  an einen Schrotthändler. Über die Hälfte der Besucher waren noch nie in einem Kunstmuseum: „So viele Bilder hier!


An einen Mann erinnere ich mich, weil er nahezu alles Gesagte wiederholte (Echolalie) – natürlich auch die Äußerungen anderer. Ein oder zwei Personen erwiesen sich als so unruhig, dass sie ständig auf und davon strebten. Zwei oder drei Frauen zeigten rasch in den ungewohnten Räumen Angstgefühle. Und ein ehemaliger ‚Gastarbeiter’ hatte im Lauf seiner Demenz all seine deutschen Sprachkenntnisse wieder verloren, beteiligte sich aber überaus eifrig in seiner Muttersprache auf Italienisch. Nicht selten sind auch Besucher bei der Gruppe, die - im Sinne der Mäeutik - fast versunken scheinen, in ihrer eigenen Welt. Wirklich ‚herausfordernd’ in bisher rund 150 Führungen sind freilich die wenigsten gewesen – nicht zuletzt durch eine ‚Vorauswahl’ der Begleitenden (Pflegekräfte, Angehörige, Ehrenamtler), die ‚ihre’ Menschen mit Demenz am besten einschätzen können.

Was brauchen Menschen mit Demenz im Museum?

Zunächst das Gefühl angenommen zu werden. Aber auch Orientierung, Sicherheit und vor allem Wertschätzung. Doch das ist bei einem Krankheitsbild mit sehr unterschiedlichen Phasen und Verläufen leichter gesagt als getan...

Die ‚Hebammenkunst’ (‚Mäeutik’, nach Sokrates, und dann bei der niederländischen Pflegewissenschaftlerin Cora van der Kooij): also das kundige Hervorholen von etwas Vorhandenem, Bekannten, ist ein wichtiger Aspekt einer Teilhabe-orientierten Vermittlung. Ziel ist dabei jedoch nicht zuerst Erkenntnis als Wissensvermittlung, sondern ‚Erkenntnis’ als Ressourcenstärkung und Selbstvergewisserung an einem so hervorgehobenen öffentlichen Ort wie einem Museum ungeachtet von Krankheiten, Alter, Bildungshintergrund... etwas Wesentliches beitragen zu können.

Diese Aktivierung gestalten wir gezielt  als ein Heranführen an jene ‚Lichtungen‘, die im voranschreitenden kognitiven Abbau manchmal auftauchen können. Dies setzt eine bewusste  Auswahl einiger weniger Kunstwerke voraus. Diese müssen das Potential haben, das ein von Neugier getriebener Moderator sie von Menschen mit Demenz (auf der Basis dessen, was für alle sichtbar ist) entdecken lässt: verbal und nonverbal, auf der Basis von Kenntnissen, Fertigkeiten, Erinnerungen und Erfahrungen und einer glaubhaften, respektvollen Wertschätzung für jeden einzelnen Beitrag.

Der Kommunikationsprozess in der ‚Teilhabe-orientierten Vermittlung’ im Museumsraum setzt durchaus einen Plan, einen ‚roten Faden’ voraus. Und es ist die nicht ganz einfache Aufgabe eines emphatischen Moderators (Geburtshelfers), stets wieder jenen roten Faden anzusteuern, ohne ein eigenes Erleben und Entdecken eines Kunstwerks für den Einzelnen und für die Gruppe aus den Augen zu verlieren.
Wo Lichtungen auftauchen, kann ein ‚Auftauen’ aus der Erstarrung sichtbar werden, zumindest zeitweise: für alle Beteiligten oftmals eine staunenswerte, nachdrückliche Erfahrung.

Herzlich grüßt Sie aus Köln
 
Jochen Schmauck-Langer
 
[Vorwort zum Newsletter 2/17 von dementia+art]

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