Newsletter 1_2017 Selbstoptimierung und Demenz

Das Jahr 2016 war für mich mit dementia+art sehr erfolgreich. Doch Erfolg hat seinen Preis. Um am Jahreswechsel einmal auch davon zu sprechen: Als freiberuflicher Dienstleister in einem noch sehr neuen Bereich spüre ich mittlerweile deutlich das Maß der Anforderungen – die ich wiederum selbst geschaffen habe. Nicht zuletzt um erfolgreich bestehen zu können.
Was ist das, was uns in dieser Weise mehr oder minder alle antreibt?
„Selbstoptimierung“. Der Begriff wird seit ein zwei Jahren immer geläufiger.

Ursprünglich bezieht sich der Begriff auf einen in der Biologie beschriebenen Vorgang (Autopoiesis = griechi. „sich selbst schaffen“). ALLEN Lebewesen, Pflanzen, Tieren, Menschen, ist er immanent und dient der Selbsterhaltung eines biologischen ‚Systems’. Selbst-Aktualisierung als entscheidende Lebenskraft, die dazu führt, die Fähigkeiten eines Menschen jeweils zu maximalisieren. Von Überforderung, Ausbeutung und Selbstausbeutung, Stress, Burnout ist da nicht die Rede. Gleichwohl scheinen die gesellschaftlichen und die persönlichen Bedingungen dieser Jahre immer mehr Menschen genau dort hinzuführen – ohne dass eine brauchbare Alternative sichtbar wäre.
Freilich: Auch dieser Newsletter von dementia+art soll keine Klagemauer sein, sondern widmet sich wie stets den Schnittmengen von  Kultur und Demenz.
Bei Menschen mit Demenz spricht man mit fortschreitender Erkrankung von einer ausgeprägten ‚Selbstaktualisierungsschwäche’. Die um sich greifende Volkskrankheit entzieht sich augenscheinlich allen kognitiv abgestützten, „nützlichen“, „logischen“, „vernünftigen“ Existenz- und Verhaltensweisen, mit denen und von denen unsere Gesellschaft lebt.
Menschen mit Demenz steigen da aus!
Das ist keine Handlungsanweisung... vielmehr ist es  e i n  mögliches Deutungsmuster. Es gibt andere. Sie sind wichtiger Teil unserer Schulungen und dienen der (notwendigen) Verschränkung von ‚den’ scheinbar so Kultur- und Verhaltens-fremd agierenden Menschen mit Demenz – und uns.
 
Als der jemand, der auch an diesem Jahreswechsel keinen Ausweg weiß - weder für ‚Gesellschaft’ noch für sich selbst - grüße ich Leser, Kooperationspartner und Freunde mit den besten Wünschen für ein gutes Jahr
 
herzlich aus Köln
 
Jochen Schmauck-Langer

[Vorwort zum Newsletter 1/17 von dementia+art]

 

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