'Dobsche' heißt 'gut!' Jochen Schmauck-Langer über das Sommerblut-Festival in der Zeitschrift 'Kulturräume'

Dieser Tage erschien die 2. Ausgabe der Zeitschrift 'Kulturräume' des angesehenen Kubia-Instituts (Kunst und Bildung im Alter). Das Heft war vor allem dem Thema 'Kulturelle Teilhabe bei Demenz' gewidmet. Ich war angefragt, einen Artikel über die Erfahrungen beim diesjährigen Sommerblut-Festival mit dem Schwerpunkt Demenz zu berichten. 

"Im Mai 2012 fand in Köln das Sommerblut Festival der Multipolarkultur statt. Zum diesjährigen Schwerpunktthema »Demenz« entwickelten Jochen Schmauck-Langer und Michael Becker von dementia+art ein Rahmenprogramm, bei dem die kulturelle Teilhabe von Menschen mit Demenz im Mittelpunkt stand. Jochen Schmauck-Langer berichtet davon, wie Schlagworte wie Integration, Inklusion und Barrierefreiheit mit Leben gefüllt wurden."





‚Dobsche‘ heißt ‚gut‘! - Kulturelle Teilhabe für Menschen mit Demenz als Schwerpunkt beim diesjährigen Sommerblut-Festival in Köln

Elena Mokuwinski ist 85 Jahre und polnischer Abstammung. Sie hält Adjele, einer jungen Frau aus dem Senegal, den linken Arm hin. Diese knüpft ihr gerade ein buntes Freundschaftsarmband an das Handgelenk. „Dobsche!“ sagt Elena. Und bekräftigt es noch einmal mit ihrer hohen, lauten Stimme: „‘Dobsche‘ heißt ‚gut‘!“
Guerilla-Knitting trifft auf Demenz: Eine Gruppe junger Frauen hat die alte Kunst des Strickens aufgegriffen und verfremdet mit Strick-Graffitis den öffentlichen Raum. Ästhetisiert ihn zugleich. Wir luden die Gruppe ein, in St. Josef-Elisabeth, einem Seniorenheim der Caritas, zusammen mit hochaltrigen Frauen, darunter viele mit Demenz, ihre Aktionen fortzusetzen. Zuvor wurden sie in einer Weiterbildung mit dem Krankheitsbild vertraut gemacht.
    An vier Nachmittagen wird eine alte Kulturtätigkeit wiederentdeckt. An Erinnerungen angeknüpft. Ein nüchterner Raum wird ästhetisiert. Rollatoren, Rollstühle werden mit bunten Umstrickungen markiert. Orientierung als ein zentrales Thema bei Demenz. Die Familien vieler dieser jungen Frauen kamen ursprünglich aus Afrika. Ein Projekt mit
Migrationshintergrund. Intergenerationell werden Freundschaften - buchstäblich - geknüpft.

Bis Herbst letzten Jahres hatte ich keine Ahnung, was sich hinter dem Begriff ‚Sommerblut‘ verbirgt. Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin in NRW, Schirmherrin für das Jahr 2011, wusste damals schon mehr: „Sommerblut beweist, wie spannend, anregend und hilfreich Kultur jenseits des Mainstreams sein kann.“
Ein Kulturfestival jenseits des Mainstreams also. Der tragende Verein ‚Sommerblut e.V.‘  setzt sich jedes Jahr einen anderen Schwerpunkt: Blinde, Körperbehinderte, Menschen mit Down Syndrom... Und der Festivalleiter Rolf Emmerich organisiert sodann mit vielen Helfern ein Kulturprogramm für diese und mit dieser Gruppe von Menschen, die auf einmal nicht mehr nur ‚Minderheit‘ sind, sondern mit ihren Fähigkeiten und Ressourcen ins Zentrum der Öffentlichkeit rücken.

Im Herbst 2011 bekam dementia+art (mein Kollege Michael Becker und ich, Jochen Schmauck) von Sommerblut den Auftrag, für den Schwerpunkt Demenz in 2012 ein kulturelles Rahmenprogramm zu entwickeln.
Kulturelle Teilhabe. Ja! Denn schon 2009 trat die entsprechende UN-Behindertenkonvention in Kraft. Aber wie sollte das praktisch aussehen - jenseits der Schlagworte von Barrierefreiheit, Integration, Inklusion…?
Für uns war klar, dass sie für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen vor allem ohne Hektik und Stress möglich sein sollte. Sie sollte an sinnliches Erleben anknüpfen, damit tief verankerte Emotionen wieder erfahrbar gemacht, Erinnerungen aufgegriffen und gewürdigt werden können. Denn letztlich geht es darum, gemeinsam etwas Schönes zu
erleben. Jenes „Dobsche!“ beschreibt dies: nicht die Veranstaltung an sich zählt, sondern die menschliche Begegnung.

Wir hatten etwas in dieser Größenordnung noch nie gemacht. Als Dozenten im Bereich der Altenpflege, durch unsere praktische Arbeit mit Menschen mit Demenz sowie durch einen ausgeprägten kulturellen Hintergrund (Musiker; Schriftsteller) verfügten wir jedoch über Erfahrungen aus beiden Bereichen, in Theorie und Praxis.
Herausgekommen ist nun die größte kulturelle Veranstaltungsreihe mit und für Menschen mit Demenz und ihre Familien, die NRW, vermutlich sogar Deutschland bisher gesehen hat. Ein bisschen sind wir stolz darauf…

Eine der ersten Veranstaltungen des Rahmenprogramms Demenz führte ich selbst durch, zusammen mit Karina Castellini, einer engagierten Kollegin vom Kölner Museumsdienst: eine „Zeitreise in das Design der 50er Jahre“. Ort war das angesehene Museum für Angewandte Kunst. Drei verschiedene Aufzüge, darunter ein Treppenlift, sowie viele weitere Details waren zu bedenken, bis die Besucher zu Nierentisch und Schneewittchensarg (eine Radio-Phono-Kombination von Braun) und Max und Moritz (ein Salz-/Pfefferstreuer-Set von Wagenfeld) kamen. ‚Wenn bei Capri die rote Sonne…‘
wurde dazu von uns eingespielt. Der erste Italienurlaub. Erinnern Sie sich noch?
Unsere Schulung für Mitarbeiter des Kölner Museumsdienstes hatte Karina Castellini zuvor erfolgreich absolviert.
Darin enthalten waren die Basics Demenz, die besonderen Anforderungen an die Kommunikation sowie die allgemeinen Gelingensbedingungen für solche Führungen. Danach fühlte sie sich schon ein wenig sicherer. Mehrmals hatten wir uns zudem im MAKK getroffen, um die Führungslinie zu entwickeln. So entstand die „Zeitreise in die 50er“ mit Warming up-Kennenlernen und Kaffeetrinken und einer kleinen Kreativarbeit im Stil der 50er Jahre zur Erinnerung.

Angesichts der knappen Mittel und der engen Zeitschiene gingen wir bei der Planung offensiv vor: Unsere Strategie war es, Aufgaben, Engagement – auch finanzielles – nach außen zu delegieren, ‚nur‘ die Rahmenbedingungen für Projekte festzulegen und darauf zu achten, dass diese „ein gemeinsames schönes Erleben“ für Menschen mit Demenz ermöglichten.

Das Format ‚Sommerblut-Festival‘ (2011 über 60 Veranstaltungen, 15000 Zuschauer) bot dafür gute Voraussetzungen. Das ungewöhnliche Projekt konnte mit großer öffentlicher Medienaufmerksamkeit rechnen.  Es versprach hohen Image-Nutzen für die Stadt Köln und für die beteiligten Partner. In Gesprächen mit den Verantwortlichen von Kulturinstitutionen im Kölner Raum verknüpften wir immer wieder den Hinweis auf die Notwendigkeit kultureller Teilhabe mit dem attraktiven Umfeld, das ein allgemeines Kulturfestival mit einem Schwerpunkt Demenz bot, um damit medienwirksam an den Start zu gehen.
Im Gegenzug fanden sich die Kooperationspartner bei den Werbeaktivitäten des Festivals (Website, verschiedene Flyer, Netzwerke, Newsletter, Pressekonferenzen u.a.) vertreten und gewürdigt. Gerade diese Wertschätzung und der persönliche Kontakt erwiesen sich als ungemein wichtig. Rolf Emmerich und auch Michael Becker hatten darin jahrelange Erfahrungen. Und ich durfte viel lernen.
Wir fanden nahezu überall Zustimmung. Türen wurden weit aufgestoßen, Menschen fanden sich bereit, sich in diesem Bereich zu engagieren. Demenz ist eine Volkskrankheit. Ich betone dies, weil nicht selten persönliche Betroffenheit eine Rolle spielte: der Kulturmanager, der seinen Zivildienst in einer Altenpflegeeinrichtung absolviert hatte; die Museumspädagogin, deren Mutter an Alzheimer erkrankt war… 

Wir organisierten zusammen mit den unterschiedlichsten Kooperationspartnern über 30 Veranstaltungen. Strukturell setzten wir dabei eine Reihe von grundsätzlichen Überlegungen um: So bezogen wir inhaltlich alle wichtigen Kunstsparten ein. (siehe das Rahmenprogramm).
Zielgruppenorientiert richteten sich unsere Angebote zunächst an die Betroffenen und ihre Familien, ferner an Senioren überhaupt. Aber auch an ein Fachpublikum sowie an eine am Thema Demenz interessierte Öffentlichkeit. Zudem versuchten wir mit ‚Alzpoetry‘ und den ‚Strick-Graffitis‘ ein jugendliches Publikum anzusprechen.  Eine intellektuelle Debatte abseits der Tagesmeldungen zu Demenz führten wir in der Karl Rahner-Akademie.
Phasenorientiert planten wir sowohl Möglichkeiten kultureller Teilhabe im Frühstadium der Erkrankung als auch für das Ende des Lebens.

Logistik und Nachhaltigkeit waren uns besonders wichtig. Strukturen für Formen einer dauerhaften Teilhabe von Menschen mit Demenz an den kulturellen Möglichkeiten unserer Gesellschaft. Zu stabilisieren wäre dies durch eine Logistik des Holens und Bringens und Begleitens, die eine Nachfrage nach kultureller Teilhabe in vielen Fällen überhaupt erst ermöglicht. Während der Festivalzeit wurde dies durch die Einbindung von Ford Globe erreicht. Deren ehrenamtliche Mitarbeiter stellten sich als Fahrer zur Verfügung.  
Schulungen: Die Fahrer von Ford Globe wurden in mehreren Treffen auf ihren besonderen Einsatz vorbereitet.

Anmeldung und Information für die vielfältigen Angebote liefen überdies zentral.  Auch dies setzte eine besondere Einweisung voraus. Und kurz vor Beginn des Festivals führten wir eine Schulung zu ‚Kulturbegleitern‘ durch. Als „praktische Übung“ stellten wir dabei das Sommerblut-Rahmenprogramm vor. Dem späteren Erfahrungsaustausch diente am Ende des Festivals ein offenes Treffen im schönen Entree-Café des Freien Werkstatt-Theaters.

Das Thema kulturelle Teilhabe bei Demenz ist vielfältig. Und doch spiegelt es in dieser Vielfalt ‚nur‘ die Gesellschaft, in der wir leben. So blieben natürlich auch Wünsche offen. Zum Beispiel ein Hightech-Modul für den Bereich Internet und Mediennutzung bei Demenz. Oder eine Broschüre „Köln mit Demenz erleben“, die es Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen überhaupt erst ermöglicht, besondere kulturelle Angebote wahrzunehmen. -

Aber wir arbeiten dran!


Jochen Schmauck für „Kulturräume – Das Kubia-Magazin“

www.sommerblut.de

Sommerblut-Rahmenprogramm Demenz

 

 

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