Aus dem Nichts – und aus dem Raum: Ein erzählender Rückblick auf mehr als 10 Jahre (de)mentia+art

Museum Wallraf-Richartz, Köln

Es beginnt nicht mit einer großen Idee, sondern mit einer kleinen, unscheinbaren Erfahrung: dass ein Mensch, der im Alltag immer weniger „funktioniert“, im richtigen Moment plötzlich wieder anwesend ist. Nicht als Patient, nicht als Fall, sondern als Gegenüber. Wer drei Jahre in einer Einrichtung mit Menschen mit Demenz gearbeitet hat, kennt diese Augenblicke: Sie sind nicht planbar. Aber sie sind real. Und sie verändern die Frage, was Kultur sein kann. Nicht als Dekoration des Lebens, sondern als Ort, an dem Menschen bleiben dürfen – auch wenn Orientierung brüchig wird.

Als ich später mit Angeboten in den Museumsraum ging, nahm ich diese Erfahrung mit. Ich hatte kein Kapital, keine Institution, keine feste Struktur. Nur das, was man früher lapidar „Allgemeinbildung“ genannt hätte – und das, was viel schwerer wiegt: eine leibhaftige Praxis in Kommunikation, Schamvermeidung, Geduld, Gruppenklima. Sowie die Frage: Kann ein Museum ein Raum sein, in dem Menschen mit Demenz nicht „mitgemeint“, sondern wirklich beteiligt sind?

Köln als Reallabor: Wiederholung statt Ereignis

Köln wurde zum Reallabor, weil dort über Jahre hinweg eine seltene Konstellation möglich war: große Museen, eine lebendige Stadtgesellschaft, und die Bereitschaft, nicht nur ein einzelnes Projekt zu wagen, sondern Praxis zu wiederholen. Museum Ludwig, Wallraf-Richartz, Stadtmuseum, Kolumba, Schnütgen – das waren nicht bloß Orte, sondern Prüfsteine. Denn jedes Haus hat seine Routinen, seine Räume, seine stillen Regeln: wie man sich bewegt, wie man spricht, wie nah man an ein Werk heran darf, wie schnell man „ins Wissen“ springt.

In dieser Umgebung entstand schrittweise das, was später „Teilhabeorientierte Vermittlung“ heißen sollte – nicht als Theorie, sondern als Antwort auf konkrete Situationen. Was hilft einer Gruppe, in der Wörter fehlen? Wie baut man einen Einstieg, der niemanden prüft? Wie wählt man Objekte aus, die nicht überfordern und doch nicht verniedlichen? Wie hält man eine Gruppe so, dass sich Beiträge entwickeln dürfen – ohne dass es zerfasert?

Solche Fragen lösen sich nicht in einem Konzeptpapier. Sie lösen sich im Raum. In der Art, wie ein Blick aufgefangen wird. In der Pause, die man nicht füllt. In dem Moment, in dem jemand etwas „Falsches“ sagt – und man spürt: Es ist nicht falsch, es ist ein anderer Zugang. Vielleicht sogar der entscheidende. Denn das Museum ist nicht nur Wissensort. Es ist auch Resonanzraum.

Parallel dazu wuchs eine zweite Säule, die im Rückblick oft unterschätzt wird: Musik. In der Zusammenarbeit mit dem WDR-Sinfonieorchester zeigte sich, dass Teilhabe auch jenseits des Diskurses entsteht. Musik verlangt nicht nach Begriffen – sie verlangt nach Präsenz. Sie kann Menschen in eine gemeinsame Zeit holen, ohne dass jemand sich erklären muss. Auch daraus lernte die Methode: weniger Überformung, mehr Raum. Weniger „wir führen euch hin“, mehr „wir halten euch hier“. (siehe: Die halbe europäische Musiktradition)

Und dann geschah etwas, das für den Erfolg vielleicht entscheidender war als jedes künstlerische Argument: die Frage der Verantwortung. Wer zahlt? Wer trägt? Ich habe früh darauf bestanden, dass Museen bei den realen Kosten nicht aus der Verantwortung entlassen werden. Pflegeeinrichtungen und Gruppen sollten beitragen – ja. Aber nicht so, dass Teilhabe am Ende wieder am Geld scheitert. Denn wenn Teilhabe ernst gemeint ist, dann ist sie kein Extra, das man bei knappen Kassen streicht. Sie ist eine Form öffentlicher Kultur. Eine Erwartung der Stadtgesellschaft. Und diese Haltung – moralisch, politisch, praktisch – wurde zum Fundament.

Die Methode: stückweises Entdecken statt fertiger Deutung

Was heißt „Teilhabeorientierung“ konkret? Im Kern ist es ein Perspektivwechsel: Das Werk wird nicht zuerst erklärt, sondern entdeckt. Nicht durch einen Vortrag, sondern durch ein gemeinsames, stückweises Vorgehen. Man beginnt bei einem Detail – einer Hand, einem Schatten, einem Blick, einem Stück Stoff. Das entlastet. Denn es verlangt kein Vorwissen. Es lädt zu Wahrnehmung ein.

Dann folgt das Sammeln: Was sehen wir? Was spüren wir? Was irritiert? Was wirkt vertraut? In dieser Phase zählt nicht, ob jemand kunsthistorisch „richtig“ liegt. Es zählt, ob eine Person anwesend ist. Ob sie sich traut, etwas zu sagen. Ob das Gesagte gehalten wird.

Erst später – wenn sich ein gemeinsames Bild aus Wahrnehmungen geformt hat – kann Kontext hinzukommen: Epoche, Künstler, Technik, Geschichte. Aber Kontext ist dann Erweiterung, nicht Eintrittskarte. So entsteht Offenheit ohne Beliebigkeit. Und genau das ist für Menschen mit Demenz entscheidend: Sie erleben nicht den Druck, etwas „wissen“ zu müssen, sondern den Freiraum, etwas beizutragen und zu erleben.

Wer diese Form der Vermittlung einmal in einer Gruppe erlebt hat, versteht schnell, warum sie nicht nur „freundlich“ ist, sondern präzise. Sie ist eine Kulturtechnik, die Fragmentarisches ernst nimmt. In gewisser Weise knüpft sie an das an, was Lévi-Strauss innerhalb des „Wilden Denkens“ von Natives „Bricolage“ nannte: Sinn entsteht aus dem, was da ist – aus Resten, Details, Stimmungen, Assoziationen. In Gruppen mit Menschen mit Demenz entdecken wir oft genau so: nicht linear, sondern relational. Die teilhabeorientierte Methode kultiviert diesen Modus, ohne ihn laufen zu lassen. Sie moderiert, verdichtet, schützt.

2014: Pro Senectute in Köln – der Moment des Überspringens

2014 kam das Leitungsteam von Pro Senectute, einem Anbieter von Betreuungs- und Pflegeformaten in Österreich, nach Köln, um sich eine teilhabeorientierte Führung für Menschen mit Demenz anzusehen – im Wallraf-Richartz-Museum. Solche Besuche sind selten neutral. Man spürt die Frage im Raum: Ist das tragfähig? Ist das übertragbar? Ist es mehr als ein charismatischer Moment?

Nach der Führung war es nicht das Lob, das hängen blieb, sondern die Konsequenz. Pro Senectute erkannte: Hier steht nicht nur eine Idee, sondern ein Modell, das zwei Systeme verbindet – Kultur und Pflege/Betreuung – und damit eine echte Lücke schließt. Man warb bei österreichischen Ministerien Mittel ein, um (de)mentia+art nach Wien zu holen. Denn Transfer beginnt nicht allein mit Begeisterung, sondern mit Struktur. Mit der Bereitschaft, Ressourcen zu mobilisieren, Verantwortung zu teilen, Netzwerke zu bauen.

Wien 2015: Der erste Transfer – und eine Geste der Wertschätzung

Klagenfurt: Museum der Moderne / Schulung Kulturbegleitung für Menschen mit Demenz

Im November 2015 fand in Wien die erste große Fortbildung statt, dreitägig, ausgebucht. Museen und Pflegeeinrichtungen saßen zusammen. In solchen Konstellationen merkt man schnell: Beide Seiten haben Respekt voreinander – und Unsicherheit. Die einen fürchten Überforderung, die anderen fürchten Kontrollverlust. Und genau hier zeigt sich, ob eine Methode wirklich eine Schnittstelle bauen kann.

Es gab damals eine Situation, die mir bis heute als Lehrstück gilt. Für das umfangreiche Praxismodul war zunächst das angesehene Museum für Angewandte Kunst vorgesehen. Im Vorfeld spürte ich jedoch bei einem Rundgang: Es passt nicht! Die räumlichen und kuratorischen Bedingungen der aktuellen Ausstellung waren nicht geeignet für bestimmte Probeläufe, um eine hinreichend vielfältige Praxis zu ermöglichen. Das war heikel – denn wer will schon derjenige sein, der kurz vor der Praxis sagt: „So geht es nicht“

Es möglich machen!

Ich hatte ein anderes der teilnehmenden großen Häuser im Blick und fragte kurzfristig den Leiter der Vermittlung im Kunsthistorischen Museum nach einer Praxis in seinem Haus. Und er machte es möglich! Für mich war das ein frühes Zeichen von Wertschätzung: weniger für mich als Person, sondern für die Idee, dass Teilhabe Bedingungen braucht. Dass man bereit ist, nicht Menschen an den Raum anzupassen, sondern den Raum an Menschen. Wer solche Gesten erlebt, weiß: Hier wird etwas wirklich ernst genommen.

Der Erfolg dieser Fortbildung sicherte für Pro Senectute weitere Mittel. Und damit begann eine Ausdehnung über viele der Bundesländer in Österreich: Wien blieb ein Zentrum, aber Linz, Innsbruck, Salzburg und dann mehrfach Kärnten/Klagenfurt und vor allem Graz/Steiermark wurden prägende Orte. In Graz wuchs später nicht Teilhabe für Menschen mit Demenz, sondern auch unser zweiter Schwerpunkt: kulturelle Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Schulung im neuen Landesmuseum von Kärnten in Klagenfurt

Die Breite: Schulungen, Städte, Sammlungen – und ein Transferprinzip

Was in Österreich über die Jahre sichtbar wurde, hatte einen Vorlauf und eine parallele Entwicklung: Schulungen in nahezu allen bundesdeutschen Ländern, in großen Städten, oft mit Praxismodulen in großen Museen. In den letzten 12 Jahren waren es um die hundert mehrtägige Schulungen, was den Kern eines Alleinstellungsmerkmals in sich trägt: Die Methode hängt nicht an einer bestimmten Sammlung. Sie funktioniert in Häusern mit völlig anderen Schwerpunkten als in Köln – in Görlitz ebenso wie im Ruhrgebiet, in Saarbrücken ebenso wie in München. Weil sie nicht über Stilgeschichte skaliert, sondern über Kommunikations- und Moderationsstrukturen. Sie fragt nicht zuerst: „Was ist kunsthistorisch zentral?“, sondern: „Was ist in dieser Situation teilhabefähig?“ Das ist eine andere Logik. Und sie ist erstaunlich robust.

2015ff.: Psychische Erkrankungen – Teilhabe als Sicherheitsarbeit

Museum Ludwig: Schulung Museumsführungen für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen

Ab 2015 entstand parallel ein spezielles teilhabeorientiertes Format für Menschen mit psychischen Erkrankungen – entscheidend gefördert durch die Eckhard Busch Stiftung („Kunst für die Seele“). Auch hier gilt: Der Kern war nicht die Idee, sondern die Zusammenarbeit. Das Format wurde in Kooperation mit einer Betreuerin von Erwachsenen und einer Lehrerin von Schüler*innen mit psychischen Erkrankungen entwickelt. Damit war von Anfang an eine praktische Perspektive eingebaut: Was überfordert? Was triggert? Was stärkt? Wie hält man einen Raum, in dem Menschen nicht „performen“ müssen?

Kein schulisches Bildungsangebot, kein therapeutischer Anspruch

Seitdem kommen Gruppen von Erwachsenen und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen zu Führungen, und es geschieht etwas, das in vielen Lebensbereichen selten geworden ist: Menschen erleben, dass sie ihre Wahrnehmungen öffentlich einbringen dürfen, ohne bewertet zu werden. Das Museum wird nicht zum Therapieraum – aber es wird zu einem Raum, in dem man nicht auf Defizite reduziert wird. Die Moderation sorgt dafür, dass niemand sprechen muss, dass Beiträge gehalten werden, dass Scham vermieden wird. Teilhabe ist hier nicht „Mitmachen“, sondern Sicherheitsarbeit: die Herstellung eines Klimas, in dem Stimme möglich wird.

Digital: Nicht Ersatz, sondern Konsequenz

Foto: T.Emsermann / Museum Ludwig / Roy Lichtenstein: M-Maybe / Kunst für die Seele

Spätestens in den Jahren der Pandemie wurde sichtbar, wie stark das interaktive digitale Format sein kann. Aber seine Logik reicht weiter: In ländlichen Regionen, in Einrichtungen ohne Museumsnähe, für Menschen, die nicht reisen können, ist digital oft die einzige realistische Möglichkeit. Entscheidend ist, dass digital nicht zum Vortrag wird. Teilhabe entsteht nicht, weil Bilder auf dem Bildschirm erscheinen, sondern weil ein Prozess entsteht: präzise Bildausschnitte, Pausen, Fragen, die Wahrnehmung öffnen, eine Moderation, die das Gruppengeschehen auch online hält.

Hier zeigt sich erneut: (de)mentia+art hat das Format nicht einfach „digitalisiert“. Es hat ein Format entwickelt, das die Grundidee der Teilhabeorientierung in ein neues Medium übersetzt.

2025: Der Schritt zur Methode – vom Angebot zum Paradigmenwechsel

Wallraf 19. Jh./Impressionismus / Führung für Menschen mit + ohne Demenz, St. Bruno

2025 wurde ein weiterer Schritt konsequent: der ausschließliche Blick auf die zugrundeliegende Methode. Nicht mehr: „Wie macht man Führungen für Menschen mit Demenz?“ oder „Wie begleitet man Gruppen mit psychischen Erkrankungen?“, sondern: „Welche Vermittlungslogik braucht ein Museum, wenn Teilhabe nicht Randthema, sondern Zentrum sein soll?“

Dieser Fokus ist wichtig, weil er den Anspruch präzisiert: Teilhabeorientierte Vermittlung bedeutet nicht „mehr Dialog“. Sie bedeutet eine strukturelle Verschiebung. Die Rolle der Vermittlung wird neu definiert: nicht primär Wissensvermittlung, sondern Moderation eines gemeinsamen Erfahrungs- und Erkenntnisraums. Beiträge der Teilnehmenden sind nicht dekorativ, sondern konstitutiv. Das betrifft Objektauswahl, Sprache, Tempo, Umgang mit Stille, das Zulassen von Ambivalenz. Und es betrifft die Ethik: Menschen sollen nicht in die Form des Museums gepresst werden; das Museum soll die Form finden, in der Menschen bleiben können.

Wenn man das Paradigmenwechsel nennt, dann nicht aus Überhöhung, sondern weil sich die Grundfrage ändert: Nicht „Wie bringe ich Menschen dazu, Kunst zu verstehen?“, sondern „Wie ermögliche ich Kunst als soziale Erfahrung, in der Menschen sich als Teilnehmende erleben?“

Warum es aus dem „Nichts“ wachsen konnte

Am Ende bleibt die Frage, die viele interessiert: Wie kann so etwas aus materiell fast nichts entstehen – und dann über Jahre tragen? Ich glaube, die Antwort ist weniger romantisch als konsequent.

  • Erstens, weil eine reale Lücke geschlossen wurde: zwischen Kultur und Pflege/Betreuung. Wer beide Sprachen spricht, reduziert Unsicherheit und macht Handeln möglich.
  • Zweitens, weil nicht nur Angebote gemacht wurden, sondern eine Methode entwickelt wurde – übertragbar, robust, anschlussfähig in unterschiedlichen Sammlungen.
  • Drittens, weil die „Produktionsmittel“ bereits da waren: Museen, Werke, Einrichtungen, Gruppen. Was fehlte, war die verbindende Struktur.
  • Viertens, weil Wirksamkeit sichtbar wurde. Nicht in Statistiken, sondern im Raum: Menschen bleiben, beteiligen sich, werden Gegenüber. Kehren wieder!
  • Und fünftens, weil Verantwortung nicht ausgelagert wurde. Teilhabe wurde als Auftrag verstanden – auch finanziell. Das macht Programme weitgehend stabil. Es macht Transfer möglich.
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Ein offener Schluss: Kultur als Ort der Zugehörigkeit

Wenn man die Entwicklung von (de)mentia+art betrachtet, sieht man keine nur lineare Entwicklung, sondern eine Verdichtung von Praxis: aus Köln heraus, in den deutschsprachigen Raum hinein, nach Österreich transferiert, digital erweitert, auf psychische Erkrankungen ausgeweitet, schließlich methodisch fokussiert. Was Köln angeht, waren der Museumsdienst und die großen Museen über die Jahre offene und engagierte Kooperationspartner.

Vielleicht ist das Wichtigste nicht die Chronik, sondern die Verschiebung im Blick: Weg von der Frage, was Menschen „nicht mehr können“, hin zu der Frage, wie Kultur Räume baut, in denen Menschen ihre Ressourcen elementar einbringen können – auf ihre Weise. Teilhabeorientierte Vermittlung ist in diesem Sinn weniger ein Spezialformat als eine Antwort auf eine Gegenwart, in der Verletzlichkeit nicht am Rand steht, sondern mitten im Leben.

Und vielleicht ist genau das die stille Pointe dieser Geschichte: Dass Kultur dort am stärksten wird, wo sie nicht nur zeigt, was sie weiß – sondern wo sie ermöglicht, dass Menschen bleiben. In Öffentlichkeit. In Beziehung. In Würde.

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