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Ein temperamentvolles Pferd, ein Knecht mit großen Füßen und ein anderer Blick auf ‚herausforderndes‘ Verhalten bei Menschen mit kognitiven oder psychischen Erkrankungen
In der Ausstellung „Pferde“ im Museum für Ostasiatische Kunst in Köln führe ich gerne zu dieser japanischen Hängerolle aus der Edo-Zeit: „Knecht mit gezäumtem Pferd“ – zugeschrieben Shohaku, entstanden im 18. Jahrhundert, Tusche und Farben auf Papier. Es ist eine recht große Darstellung. Zunächst scheint die Szene klar: Ein Knecht hält ein Pferd an der Leine. Das Tier ist gezäumt, also scheinbar eingebunden in eine Ordnung. Doch je länger man hinsieht, desto weniger selbstverständlich wird diese Ordnung.
Bei der Auswahl des für europäissche Augen ungewöhnlichen Bildes wurde ich durch eine von jenen Metakategorien geleitet, die mich ‚unsichtbar‘ begleiten: Angepasstes versus Herausforderndes Verhalten.
Das Pferd ist groß, dunkel, gespannt. Es füllt den Bildraum mit einer fast körperlich spürbaren Kraft. Sein Kopf ist hoch nach vorne genommen, das Auge wach, mit rötlichen Akzenten. Dieses Pferd ist gehalten und gezäumt, aber es zeigt sich ungebrochen. In seinem Körper liegt etwas Wildes, Eigenes, Unverfügbares. Man könnte sagen: Das Pferd zeigt seine Möglichkeiten.
Wildheit des Tieres, Kraft des Menschen
Noch deutlicher wird die Spannung, wenn man auf den Knecht schaut. Er steht nicht beiläufig neben dem Tier. Er stemmt sich gegen dessen Kraft. Besonders auffällig sind seine Füße: Sie sind ungewöhnlich groß gemalt, fast überdeutlich. Als wollte der Maler zeigen, wo die eigentliche Anstrengung liegt. Nicht nur in der Hand, die die Leine hält, sondern im ganzen Körper. In den Beinen. Im Stand. Im Versuch, nicht mitgerissen zu werden.
Dieses Bild macht eine menschliche Erfahrung sichtbar: Was geschieht, wenn – etwa bei einer Demenzerkrankung – Anpassung nicht mehr gelingt? Wenn ein gesellschaftlich eingeübter Ablauf erwartet wird – also dass jemand in einer bestimmten Situation ruhig bleibt, folgt, wartet, sich führen lässt -, aber das Gegenüber anders reagiert. Unruhig. Widerstand leistet. Auch Angst. Und der Körper spiegelt dies mit einem Verhalten, das für andere herausfordernd wird. Also unangepasst.
Innenperspektive auf soziale Zusammenhänge
Die Kategorie des herausfordernden Verhaltens war mir zunächst aus dem Bereich Demenz vertraut. Dort wird häufig erwartet, dass Menschen sich an Abläufe, Räume, Zeiten und soziale Regeln anpassen: sitzen bleiben, mitkommen, zuhören, essen, warten, sich waschen lassen, an einem Angebot teilnehmen. Doch Menschen mit Demenz erleben Situationen oft verändert. Orientierung, Erinnerung, Sprache, Affektkontrolle und das Verständnis sozialer Zusammenhänge können brüchig werden. Was dann als störend oder schwierig erscheint, kann aus der Innenperspektive eine sinnvolle Reaktion sein: auf Angst, Enge, Überforderung, Schmerz, Scham, Unruhe oder den Verlust vertrauter Sicherheit.
Menschen mit psychischen Erkrankungen
Ähnliches gilt — bei aller notwendigen Unterscheidung — auch für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Auch hier können innere Spannung, Angst, Rückzug, Misstrauen, Erschöpfung, Reizüberflutung oder der Verlust von Selbstsicherheit dazu führen, dass erwartete Anpassung nicht gelingt. Das Verhalten wirkt für die Umgebung vielleicht abweisend, unruhig, sprunghaft oder schwer erreichbar. Aber auch hier beginnt eine teilhabeorientierte Sicht nicht mit dem Urteil: „Das ist schwierig.“ Sie fragt zuerst: Was zeigt sich hier? Welche Kraft, welche Not, welches Schutzbedürfnis, welche innere Wirklichkeit wird sichtbar?
Das bedrohlich wirkende Pferd auf der Hängerolle ist darum kein bloßes Sinnbild für Ungehorsam. Es ist ein Bild für Lebendigkeit, Eigenwille und nicht vollständig kontrollierbare Energie. Der Knecht wiederum ist kein einfacher Beherrscher. Seine großen Füße erzählen von der Mühe des Standhaltens. Wer begleitet, muss manchmal halten. Aber gutes Halten ist mehr als Festhalten. Es braucht Standfestigkeit, Erfahrung, Geduld und die Bereitschaft, das Gegenüber nicht nur als Problem zu sehen.
Standfestigkeit, Erfahrung, Geduld
Die Begegnung mit diesem Bild gestalte ich teilhabe-orientiert als ein gemeinsames Entdecken, fokussiert auf das Sichtbare: Was ist zu sehen? Wie verhält sich das Pferd? Ist es gehorsam? Hat der Mann an seiner Seite es unter Kontrolle? Wie wirkt das weit offene Auge auf uns? Wohin zieht seine Kraft? Wie steht der Knecht? Locker oder angespannt? Warum sind seine Füße so groß gemalt? Usw…
Von dort öffnet sich das Gespräch fast von selbst: Wann braucht ein Mensch Halt? Wann wird Halt zu eng? Wann ist Anpassung hilfreich? Und zeigt sich im herausfordernden Verhalten des Tieres vielleicht etwas, das gesehen, verstanden und anders begleitet werden möchte?
So wird ein japanisches Pferdebild aus der Edo-Zeit vor etwa 200 Jahren zu einem Gegenwartsbild. Es spricht von Lenkung und Widerstand, von Ordnung und Wildheit, von Kraft und Beziehung. Und es hilft, einen entscheidenden Perspektivwechsel einzuüben: Herausforderndes Verhalten liegt nicht einfach nur in einem Menschen. Es entsteht in einer Situation, in einer Beziehung, in einer Erwartung von Anpassung – die nicht mehr trägt.
Vielleicht ist das die eigentliche Einladung dieses Bildes: nicht vorschnell zu zügeln, was wild erscheint, sondern genauer hinzusehen. Das Pferd zeigt seine Möglichkeiten. Der Knecht zeigt seine Anstrengung. Und zwischen beiden entsteht die Frage, die auch in der Begleitung von Menschen mit Demenz oder psychischen Erkrankungen zentral bleibt: Wie können wir standhalten, ohne zu brechen — und halten, ohne den anderen zu brechen?
Übrigens: Die zugehörige Erzählung besagt, dass der Rappe einem Shinto-Schrein (eine Art heiliger Ort) gestiftet wurde. Von einem adeligen Landbesitzer. Mit der Bitte um Regen.
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MEHR Infos + Anmeldung zu Führungen: Jochen Schmauck-Langer: schmauck.langer@live.de / 0157 88345881