Die Geschäftigkeit der Gegenwart: Zu Jacopo Bassanos „Das letzte Abendmahl“

Jacopo da Ponte, gen. Bassano (1510-1592, ca. 1546, Öl auf Leinwand, 168×270 / Galleria Borghese, Rom

Es gibt Bilder, die ihre Zeit überdauern, weil sie mehr zeigen als das, was sie ausdrücklich darstellen. Jacopo Bassanos Letztes Abendmahl von 1546 gehört für mich in diese Kategorie. Es zeigt nicht nur ein zentrales christliches Ereignis. Es zeigt eine menschliche Grundsituation: Während im Raum längst eine existentielle Grundierung von großer Tragweite anwesend ist, bleiben die Beteiligten in ihrer situativen Geschäftigkeit verstrickt. Sie reden, deuten, wenden sich einander zu, reagieren mit Händen, Blicken, halben Gesten – und scheinen doch das Ganze des Augenblicks noch nicht wirklich zu erfassen.

Die Gegenwart des Anthropozäns

Auch die Gegenwart des Anthropozäns ist von einer solchen Diskrepanz geprägt: Die großen Krisen sind längst da, doch das gesellschaftliche Verhalten bleibt vielfach geschäftig, zerstreut und an vergleichsweise kleinen individuellen Dringlichkeiten orientiert.

Wer das Bild betrachtet, spürt zunächst seine Dichte. Der Tisch zieht sich breit durch den Vordergrund. Auf ihm liegen Brot, Gefäße, Speisen, Gläser, ein Fisch. Unterhalb des Tisches stehen weitere Krüge und Schüsseln; am Boden lagern Tiere. Nichts an dieser Szene ist in einer strengen, überirdischen Feierlichkeit erstarrt. Das Geschehen ist in eine stoffliche, greifbare Welt eingelassen. Gerade das macht Bassanos Darstellung so besonders. Das Heilige erscheint nicht fern von der Wirklichkeit, sondern mitten in ihr: zwischen Dingen, Körpern, Blicken fühlen wir Müdigkeit, Nähe und Unruhe.

Und doch ist es nicht die Anschaulichkeit der Gegenstände, die das Bild trägt, sondern die Spannung zwischen den Figuren. Die Jünger sind nicht in ruhiger Andacht versammelt. Sie sind in Bewegung. Einer zeigt mit der Hand, ein anderer beugt sich vor, wieder ein anderer scheint etwas zu erklären oder nachzufragen. Es entstehen kleine Gruppen und Nebengespräche, Verdichtungen von Reaktion und Geste. Ein Jünger stützt schwer den Kopf. Johannes scheint beinahe in sich zusammengesunken, als habe ihn Müdigkeit, Trauer oder eine tiefe innere Versenkung erfasst. Diese Figuren bilden keine geschlossene Gemeinschaft des Erkennens. Sie sitzen zwar am selben Tisch, aber sie leben nicht im selben inneren Augenblick. Fast wirkt es so, als strebten sie schon auseinander – nicht zufällig sind neben und unter dem Tisch viele Beine und Füße zu sehen.

Fliehen, Standhalten oder Verdrängen

Christus steht dem gegenüber in einer eigentümlichen Ruhe. Er ist die Mitte des Bildes, aber keine triumphal hervorgehobene Mitte. Er befindet sich zurückgenommen im Hintergrund, aufrecht, gesammelt, innerlich jedoch nur scheinbar stiller als alle anderen. Sein Kopf ist ein wenig geneigt, eine gut lesbare Körpersprache für Nachdenklichkeit. Und er schickt uns seine Blicke, wie um diesen Augenblick einer Selbsterkenntnis weiterzugeben.

Seine Gestalt wirkt schmal, ja schmächtig, fast unausgewachsen. Die Hand, die wir am Körper sehen, wirkt so zart, dass man kaum an einen Schreinergesellen denken mag, der lange in der Werkstatt seines Ziehvaters Josef gearbeitet hat. Allerdings offenbart die Hand jene Stelle, die bald von einem Nagel am Kreuz durchbohrt werden wird.

Die andere Hand hingegen schiebt sich aus dem Dunkel des Hintergrundes auf den Tisch: Mit zwei drei ausgreifenden Fingern weist sie auf den vom gemeinsamen Mahl zurückgebliebenen Kopf eines Lamms. Jesus ist anwesend – und zugleich schon halb abwesemd. Er scheint bereits von etwas berührt, das die anderen noch nicht an sich heranlassen. .

Diese Differenz ist für mich der eigentliche Kern des Bildes. Bassano zeigt nicht bloß den Moment des Abendmahls, sondern den Augenblick einer ungleichen Gegenwart. Alle sind da, aber nicht alle sind in derselben Zeit. Die Jünger leben noch im Modus des nahen, unmittelbar Wichtigen. Für Christus dagegen ist das Kommende schon angekommen: Abschied, Passion, Einsamkeit. Die anderen spüren wohl, dass etwas Ungeheures über dem Raum schwebt, doch ihre Reaktionen zerfallen in Einzelbewegungen. Eben darin liegt die große psychologische Wahrheit dieses Gemäldes. Menschen begegnen offenbar der Erschütterung nicht immer mit Klarheit oder Sammlung. Oft antworten sie zunächst mit Betriebsamkeit.

Diese Geschäftigkeit ist nicht oberflächlich im banalen Sinn. Sie ist nicht bloß Lärm oder Zerstreutheit. Sie ist eine tief menschliche Form des Selbstschutzes. Wer das Ausmaß eines Geschehens noch nicht wirklich fassen kann, hält sich an das, was näher liegt: an Gesten, Worte, Fragen, Vermutungen, an die kleine Form des eigenen Erlebens. So gesehen ist das Bild weniger ein moralisches Urteil als eine präzise Beobachtung.

Überforderung im Angesicht des Wesentlichen

Hier gewinnt das Gemälde einen Bezug auf unsere Gegenwart. Denn die Konstellation, die Bassano sichtbar macht, lässt sich als anthropologische Konstellation lesen. Der Begriff Anthropozän bezeichnet jene Epoche, in der der Mensch zu einem planetarisch wirksamen Faktor geworden ist. Er verändert Klima, Landschaften, Ozeane, Böden, Artenvielfalt. Das Wort benennt also nicht nur eine ökologische Lage, sondern eine neue historische Selbstbegegnung des Menschen: Er steht den Folgen seiner eigenen Wirksamkeit gegenüber, und diese Wirksamkeit hat zerstörerische Ausmaße angenommen.

Zugleich ist auffällig, wie ungleich dieses Wissen im Alltag verarbeitet wird. Die Fakten sind weithin bekannt. Die Krisen zeigen sich in Dürren, Überschwemmungen, Hitzeperioden, Artensterben, Ressourcenknappheit, politischen und sozialen Verwerfungen. Und doch ist die Antwort darauf oft nicht Sammlung, sondern geläufige Geschäftigkeit. Sie ist nicht nichts; sie ist sogar oft produktiv, notwendig, ernst gemeint. Und doch bleibt der Eindruck, dass sich eine Gesellschaft trotz aller Information nur unzureichend zum Ernst ihrer eigenen Lage verhält. Das eigentlich Beklemmende ist dann nicht allein die Krise selbst, sondern die Diskrepanz zwischen ihrer Größe und der Kleinheit vieler Reaktionen.

Genau in diesem Sinn erscheint Bassanos Letztes Abendmahl als überraschend modernes Bild. Es zeigt nicht die Katastrophe selbst, sondern den Zustand einer Gemeinschaft, die sich noch nicht ganz zu ihr verhält, obwohl sie schon im Raum steht. Die Jünger sind beschäftigt, aber nicht gesammelt. Sie reagieren, aber sie überschreiten nicht die Schwelle zu einer wirklichen gemeinsamen Erkenntnis. Christus verkörpert demgegenüber eine stille, traurige Klarheit. Seine relative Abwesenheit wirkt fast wie die Verkörperung einer Wahrheit, die bereits gegenwärtig ist, ohne wirklich geteilt zu werden.

Gemeinschaft mit der Katastrophe im Nebenraum

Vielleicht ist das die tiefste Verstörung dieses Bildes: nicht der kommende Verrat allein, sondern die Erfahrung, dass Menschen selbst im Angesicht des Wesentlichen dazu neigen, sich an das Nähere zu halten. Das Bewusstsein zerfällt in Teilreaktionen. Sie begegnen dem Übermächtigen mit Geschäftigkeit. Diese Geschäftigkeit kann klug und notwendig, sogar fürsorglich sein – und dennoch bleibt sie eine Form der Verkleinerung, solange sie das eigentliche Ausmaß der Lage nicht an sich heranlässt.

Wie wollen wir leben?

Die Stille, die Christus in diesem Bild vermittelt, ist kein Rückzug aus der Welt, sondern Ausdruck eines Wissens, das tiefer reicht als die aktuelle Betriebsamkeit der anderen. So entsteht ein Gegensatz, der bis in die Gegenwart hinein lesbar bleibt: Wie wollen wir leben, wenn die Grundlagen unserer Lebensform selbst in die Krise geraten sind? Was heißt Verantwortung, wenn sie nicht mehr nur das Nahe, sondern das Planetarische betrifft? Und warum fällt es uns so schwer, dieses Wissen nicht nur zu besitzen, sondern existentiell an uns heranzulassen?

Bassanos Bild gibt darauf keine Antwort. Aber es zeigt, was Menschen immer wieder tun, wenn der Ernst der Lage größer ist als ihre Bereitschaft, ihn wirklich in ihr Leben einzulassen.
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Das Bild „Das letzte Abendmahl“ von Jacopo Bassano wird auch Teil unserer nächsten digitalen Museumsführungen sein. Mehr Infos und den letzten Newsletter mit den Kulturterminen: H i e r

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