Essay / Die Sehnsucht nach Verbundenheit – Einsamkeit zwischen Achill Island und Amazonia

Achill Island: Deserted Village / C: Joseph Mischyshin, Wiki CC BY SA 2.0

1994 erhielt ich für zwei Monate ein Reisestipendium als Artist in Residence für das Heinrich-Böll-Cottage auf der Insel Achill Island. Sie liegt im äußersten Nord-Westen von Irland und ist der Vorposten zum Atlantik hin. Etwa zwei tausend Quadratkilometer groß und sehr dünn besiedelt gibt es nur wenige kleine Dörfer, noch weniger Läden, dafür viele leerstehende, verfallende Häuser und kaum 2000 verbliebene Einwohner. Doch die Landschaft ist wild, vielfältig und grandios. –
Heute – nach gut 30 Jahren – bietet sich die Gelegenheit, einige Erfahrungen aus diesem, Aufenthalt am „Ende der Welt“ mit der stark gewachsenen Bedeutung von Einsamkeit in den modernen Gesellschaften zu spiegeln. –
Nicht zuletzt, weil aktuell (bis 15. März 2026) die Ausstellung „Amazonia„, mit Fotografien von Sebastião Salgado im Rautenstrauch Joest Museum in Köln zu sehen ist, die man nach Erfahrungen mit „Einsamkeit“ in indigenen Gesellschaften befragen kann.

Den Abschluss des Artikels bietet der Blick auf ein ‚praktisches‘ Format: Mit „Kunst für die Seele – gemeinsam, nicht einsam“ bietet (de)mentia+art zusammen mit großen Kölner Museen, dem Museumsdienst und der Eckhard Busch Stiftung Teilhabeorientierte Führungen an, die Raum geben für eigene Wahrnehmungen von ausgewählten Kunstwerken – und deren Austausch.
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Archäologie der Einsamkeit – Achill Island

Wer über Einsamkeit spricht, betritt ein Gelände aus Leere, Erinnerung und Sehnsucht. In der Landschaft Irlands, auf Achill Island, ruht ein solcher Ort – das „Deserted Village“ – am Hang des 600 m hohen Slievemore. Eine Gruppe von Steinhäusern, vom Wind geglättet, reihen sich locker aneinander, die Dächer längst verfallen, der Blick hinunter auf den Atlantik weit und still. Diese Ruinen scheinen weniger eine archäologische Stätte als ein stummes Gedächtnis kollektiver Einsamkeit: Sie zeugen vom Zusammenbruch einer Lebensform, vom Hunger, von erzwungener Migration und vom Verschwinden ganzer Familien in der großen irischen Hungersnot des 19. Jahrhunderts, als die Ernte des wichtigsten Grundnahrungsmittels Kartoffeln durch einen Pilz über mehrere Jahre hinweg ausfiel.

Wer zwischen diesen Mauern steht, spürt die abgerissene Resonanz einer einst lebendigen Gemeinschaft: Der Wind atmet durch die offenen Türrahmen, Schafe bewegen sich dort, wo einst Herdfeuer brannten. Einsamkeit hat hier eine materielle Form angenommen – sie ist sedimentiert im Schweigen, im stachligen Gras, im Stein, der neue, menschenferne Formen annimmt.

Die Menschen von Achill – Fischer, Bauern, Vielzüchter -, lebten mit dem Wechsel der Gezeiten und dem Wechsel zwischen Sommer- und Winterweiden. Dieses System war rhythmisch, gemeinschaftlich, eingebettet in den Lauf der Jahreszeiten. Als Hunger und Armut diese Ordnung zerstörten, zerbrach mehr als eine ökonomische Struktur: Es brach eine Welt des Miteinanders auseinander. Die Ruinen von Achill sind die archäologische Spur dieses Bruchs – einer Einsamkeit, die nicht individuell, sondern kollektiv erfahren wurde und die weit in das 20. Jahrhundert reichte.

Heinrich Böll und die gewählte Stille

Hundert Jahre später kam der Schriftsteller und spätere Nobelpreisträger Heinrich Böll an diese Westküste. Auch er suchte Einsamkeit – aber eine andere: die freiwillige, schöpferische, heilsame Form. Auf Achill fand er, was ihm im Nachkriegsdeutschland fehlte: Einfachheit, Stille, den Abstand zur allzu selbstvergessenen Geschäftigkeit. Sein Irisches Tagebuch (1957) ist voll stiller Beobachtungen und leiser Zärtlichkeit gegenüber Menschen, die wenig besaßen und viel verband.

Bölls Einsamkeit war kein Verlassenwerden, sondern eine gewählte Distanz, die Raum für Begegnung schuf – mit der Landschaft, mit den Menschen, mit sich selbst. In seinem Cottage in Dugort, heute jene Künstlerresidenz, schrieb er ohne Telefon, ohne Strom, mit Blick auf das Meer. Diese Form der Stille ist eine Gegenwelt zum Lärm der Moderne. Sie erinnert daran, dass Einsamkeit auch eine schöpferische Qualität besitzen kann – wenn sie Resonanz zulässt.

Einsamkeit als gesellschaftliche Erfahrung

Im 21. Jahrhundert hingegen ist Einsamkeit zu einem seltsam stillen gesellschaftlichen Brennpunkt geworden. Trotz digitaler Vernetzung fühlen sich Menschen so isoliert wie selten zuvor. Psychologische Studien zeigen, dass der Anteil der Bevölkerung in Europa wächst, die regelmäßig Einsamkeit empfinden – auch, wenn sie nicht allein sind: Ihre Beziehung zur Welt ist brüchig geworden.

Was heißt das?

Einsamkeit heute ist selten das Schweigen eines leeren Raums. Sie ist vielmehr eine Überfülle von Stimmen, die keine Verbindung herstellen. Sie ist entstanden aus Beschleunigung heraus, aus digitalem Dauerrauschen, aus dem Verlust gemeinsamer Rituale. Man spricht von einer Erschöpfung der Resonanz: eine Gesellschaft, die keine Antworten mehr gibt (der Philosoph Byung-Chul Han).

Doch Einsamkeit hat zwei Gesichter. Sie kann destruktiv sein – als Gefühl der Entwurzelung, als Rückzug in Angst und Selbstverlust. Sie kann aber auch heilsam werden – als Rückkehr zu sich selbst, als Moment des inneren Sammelns. Diese doppelte Natur der Einsamkeit verlangt danach, dass wir sie nicht nur als psychologisches, sondern als kulturelles Phänomen begreifen. Dazu ist der Blick auf andere Kulturen hilfreich.

Einsamkeit und Resonanz – Vom Wilden Denken bis Amazonia

Wenn wir den Blick über Europa hinaus wenden, verändert sich das Verständnis von Einsamkeit grundlegend. In vielen indigenen Kulturen – etwa in den Regenwaldgemeinschaften Amazoniens – existiert keine Vorstellung vom „einsamen Individuum“ im westlichen Sinn. Der Mensch ist dort stets Teil eines Geflechts aus Beziehungen: zu Pflanzen, Tieren, Ahnen, Geistern, Flüssen…

Claude Lévi-Strauss beschrieb diese Weltsicht als Wildes Denken – ein Denken, das nicht trennt, sondern verbindet. Es kennt keine Einsamkeit als Defizit, weil das Selbst nie unabhängig, sondern relational ist: es steht in Beziehungen und wer „allein“ ist, ist nicht verlassen, sondern steht in einer anderen Art von Beziehung: zu Wind, Wasser, Erde, Himmel. In diesem Denken entsteht Identität aus Resonanz, nicht aus Abgrenzung.

Diese Sichtweise öffnet eine radikal andere Perspektive: Während die westliche Kultur Einsamkeit als Bruch in der sozialen Ordnung deutet, verstehen indigene Traditionen sie als Ungleichgewicht in der Beziehung zur Welt. Das Heilmittel ist nicht Gesellschaft im engen Sinn, sondern Wiederverbindung – ein neues Gleichgewicht von Mensch, Natur und Kosmos.

Sebastião Salgado hat in seiner Ausstellung Amazonia (Rautenstrauch-Joest-Museum Köln) diese Haltung in Bildern eingefangen. Seine Fotografien zeigen keine Regenwald-Wildnis im Sinne westlicher Romantik, sondern ein lebendiges Netz von Beziehungen: Menschen, die in Respekt mit ihrer Umwelt leben, Rituale, in denen Zeit und Raum anders fließen. Seine Schwarzweißbilder sind von dichter Gegenwart erfüllt – sie zeigen, dass Einsamkeit hier keinen Platz hat, weil die Welt selbst antwortet.

Im Katalog schreibt Salgado: „Ich habe dort keine Einsamkeit gefunden, sondern Staunen über Verbundenheit.“ Das bedeutet: Die westliche Moderne hat Einsamkeit zu einem psychologischen Problem gemacht; indigene Kulturen leben in der Verbundenheit mit den verschiedenen Elementen, die in der Welt existieren und unterschiedlich auch miteinander verbunden sind.

Kunst und Gemeinschaft – Wege aus der Isolation

Weder Achill mit dem gesellschaftlichen Zusammenbruch des Deserted Village noch der Regenwald und die Erfahrungen von indigenen Kulturen sind für uns letztlich geeignete Resonanzräume. Wir brauchen andere… Für viele kann das dialogische gemeinsame Entdecken von Kunst Resonanzerfahrungen mit vielen Räumen bieten. Denn nicht das Kunstwerk allein „heilt“ durch Resonanz, sondern es ist vielfach die Erfahrung eines gemeinsamen Entdeckens: eine soziale Selbstwirksamkeit durch die strukturelle Möglichkeit, Wahrnehmungen, Erfahrungen und Meinungen zu teilen.

Das Projekt „Kunst für die Seele – Gemeinsam nicht einsam“ knüpft daran an und bietet Teilhabeorientierte Führungen. Es geht nicht darum, Einsamkeit zu leugnen, sondern die Chance zu ergreifen, sie in Gemeinschaft zu verwandeln.


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