Praxisbericht Einzelbetreuung „Kulturbegleitung für Menschen mit Demenz“

Martina Schwarz hat über die Praxisaufgabe nach der Fortbildung 'Kulturbegleitung für Menschen mit Demenz' in Mainz einen sehr anschaulichen Bericht geschrieben, der auch die Schwierigkeiten einer Begleitung nicht verschweigt.


Nach dem hilfreichen und motivierenden Seminar vom 22.-24.10.2019 in Mainz habe ich mir die Museen in der Umgebung meines Heimatortes angesehen. Leider musste ich feststellen, dass die örtlichen Gegebenheiten für einen Besuch mit mehreren Personen mit Demenz relativ schlecht waren. Es wurden zu viele Exponate auf zu kleinem Raum gezeigt. Das wurde auch von Beschäftigten in Senioreneinrichtungen so gesehen. Es gab große Vorbehalte gegen einen Besuch. Besonders der von Ihnen zu leistende Aufwand wurde als zu hoch eingeschätzt. Das war auch der Grund, warum ein Museum in Hanau (Puppenmuseum) sich entschlossen hatte, einen Mitarbeiter mit einem gefüllten Koffer ins Seniorenheim zu schicken, anstatt vor Ort Exponate vorzustellen.

Um Praxiserfahrung zu sammeln habe ich Personen aus der Einzelbetreuung angesprochen und einen Besuch im „Städel“ in Frankfurt vorgeschlagen. Ich bin Mitglied im Städelverein und kenne das Kunstmuseum sehr gut. Zwei mir bekannte Personen mit Begleitung haben sich darauf eingelassen. Wir waren im Dezember 2019 privat dort. Zu dieser Zeit lief zwar auch die Ausstellung „Making van Gogh“, aber der Besucherstrom war noch einigermaßen übersichtlich. Im ersten Stock, indem die ausgesuchten Bilder hingen, war es relativ ruhig.

  1. Besuch

Ich wurde von einer Dame mit beginnender Demenz und ihrem Mann begleitet. Beide waren schon früher öfters im „Städel“. Seit sich die Demenz zeigte nicht mehr. Ich hatte mir das Bild „Älterer Bauer und junges Mädchen/Das ungleiche Paar“ von Wilhelm Leibl ausgesucht. Das Bild hing in einer Raumecke und es war dort wenig Publikumsverkehr. Es gab auch keine Bank und auf Stühle haben wir verzichtet. Meine Begleitung wollte auf keinen Fall „auffallen“. Stehen war aber auch problemlos möglich. Beide Personen waren körperlich relativ fit.

Nach der Methode von Herrn Schmauk-Langer sind wir an die Interpretation des Bildes herangegangen. Meine größte Schwierigkeit dabei war, nicht immer das Gespräch in „meine“ Richtung zu lenken. Die Dame war früher im Entwicklungsdienst tätig und hat sich durch das Bild an Paare in den von ihr besuchten Ländern erinnert. Sie kam dann wirklich ins Erzählen und hat sich gefreut, wie viel sie doch noch wusste von ihrem früheren Leben.

  1. Besuch

Meine zweite Begleitung war ein Herr mit leichter Demenz und Parkinson. Er und seine ihn begleitende Ehefrau waren auf eine Sitzgelegenheit angewiesen. Da auch sie nicht durch Stühle auffallen wollten, habe ich ein Bild mit einer Bank davor gewählt. Das Bild „Das Mittagessen“ von Claude Monet konnte gut von der Bank aus gesehen werden. (Im Moment hängt das Bild nicht mehr an diesem Platz, sondern in der Ausstellung „En Passant“.)

Bei diesem Besuch wurde das Gespräch ehr von der Ehefrau geführt. Der Herr mit der Demenz schien aber auch das Zuhören und ab und zu antworten auf meine direkte Frage zu genießen. Die Stimmung war sehr gelöst und es wurde über das Mittagessen früher in den Herkunftsfamilien gesprochen.

Fazit

Der Aufwand ins Museum zu fahren hat sich definitiv gelohnt. Nach anfänglicher Scheu war die Demenz kein Thema mehr. Die Unterhaltungen waren gelöst und lebhaft. Erinnerungen kamen mühelos und die Personen waren stolz auf ihr Wissen. Ich selbst habe viele Informationen und gute Tipps bekommen mit denen ich beim Aussuchen der Bilder gar nicht gerechnet hatte. Gespräche einige Zeit danach mit den Personen zeigten, dass der Besuch noch lange Thema war. Es wurden auch im Nachhinein passende Fotos rausgesucht. D.h. die positive Stimmung hielt eine ganze Weile an.

Schwierigkeiten

a.) Ich muss definitiv lernen mich und meine Meinung zurückzunehmen.

b.) Keiner der Besucher wollte sich auch nur in irgendeiner Weise als demente Person, bzw. deren Begleitung outen. In einer so genannten Gruppe wären meine Begleiter nicht mitgegangen. Fotos in diesem Zusammenhang zu machen oder die Namen im Bericht zu nennen wäre gar nicht gegangen. Ich kann mir deshalb nur vorstellen einen neutralen Namen für eine Gruppenführung zu wählen. Oder einer feste Gruppe (z.B. Selbsthilfegruppe) diese Führung anzubieten.

c.) Die Vorteile eines Events wie eines Museumsbesuchs müssen noch weiter bekannt gemacht werden. Sie müssen den Aufwand, der ohne Zweifel besteht, aufwiegen. Die positive Wirkung auch auf die Begleitperson, mal etwas anderes erleben mit weniger Verantwortung (es ist ja noch ein Museumsbegleiter dabei), darf dabei nicht vergessen werden.

Leider hat Corona meine Bemühungen unterbrochen. Aber sobald es wieder geht werde ich weitermachen. Ich denke man kann die Akzeptanz des Angebotes nur durch praktische Überzeugungsarbeit und Mund-zu-Mund-Propaganda heraufsetzen.

Schön, dass Sie diese Fortbildung anbieten! Ich habe davon sehr profitiert!

 

 

Mit den besten Grüßen, Martina Schwarz

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