Erfahrungen: Digitale Museumsführungen in einem Pflegedienst im ländlichen Raum

[Fotos: Pflegedienst Hünxe]

Der "Hünxer Pflegedienst" ist in der gleichnamigen Kleinstadt zu finden. Diese ist ländlich gelegen, bei Wesel am Niederrhein. Das Unternehmen wird von Silke Cappell und ihrem Mann seit 2022 betrieben. Frau Cappell bewarb sich um einen Platz bei dem NRW / Kubia Förderprojekt zu Kultur und Alter für das Jahr 2023. Konkret nahm sie an einem Projekt von (de)mentia+art teil: "Digitale Museumsführungen für Menschen mit Demenz in Pflegeeinrichtungen im ländlichen Raum". Der folgende Artikel der Erziehungswissenschaftlerin Silke Cappell beschreibt detailiert und analytisch genau die Einpassung des neuen Formats in die besonderen Bedingungen des privaten Pflegeanbieters - nicht zuletzt die sehr erwünschte Einbindung weiterer regionaler Netzwerke und Gäste bei den Probeführungen. Der Artikel ist um die technischen Details und Literaturangaben gekürzt. Sie finden sich jedoch in der unten angefügten Dateil. Hingegen sind die Fotos zusätzlich eingefügt. (Jochen Schmauck-Langer)



Ausgangslage

Über die Homepage des „Kompetenzzentrum für Kulturelle Bildung im Alter und inklusive Kultur“, Köln habe ich im Winter 2022/23 von dem Projekt „Digitale Museumsführungen für Menschen mit Demenz in Pflegeeinrichtungen im ländlichen Raum“ erfahren und war gleich sehr begeistert über das beschriebene Format.

Menschen, die in ihrer häuslichen Umgebung gepflegt werden, sind mitunter weniger mobil, über Kulturangebote in der Region bzw. überregional weniger informiert, da sie bisweilen den Zugriff auf die digitalen Informationsangebote eingeschränkter nutzen oder nicht ohne Begleitung zu Veranstaltungen in ihrer Freizeit gehen möchten oder aufgrund ihrer körperlichen oder mentalen Gesundheit nicht können.

Das Projekt „Digitale Museumsführungen für Menschen in Pflegeeinrichtungen im ländlichen Raum“ wurde von dementia & art, Köln durch Herrn Schmauck-Langer entwickelt und wird vom Land NRW, dem Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport gefördert.

In der Gemeinde Hünxe, Nordrhein-Westfalen werden 4x jährlich für stationäre und ambulante Pflegeeinrichtungen und Beratungsangebote von Kirche/Hilfsorganisationen Vernetzungstreffen angeboten. Dieser Runde Tisch „Älter werden in Hünxe“ führt zu einem besseren Kennenlernen der verantwortlichen Personen und wechselseitigen Besuchen in den Einrichtungen und einem fachlichen Austausch der Pflegefachkräfte und informiert über weiterführende Angebote, Zukunftsthemen oder lokale Problemlagen.

Als junger Pflegedienst in Hünxe konnten wir über dieses Format sehr schnell in den Austausch mit Kommune, Kirche und Playern im Feld gelangen und Kontakte knüpfen.

Die Klientel des Pflegedienstes sind Menschen in der Gemeinde Hünxe, die aufgrund von Erkrankung oder Behinderung einen Pflegebedarf haben. Diese Personen leben in der Regel im häuslichen Umfeld und besuchen keine bzw. an einzelnen Tagen eine Tagesstätte, nehmen aufgrund von Mobilitätseinschränkungen und fehlender Begleitung weniger an Freizeitangeboten in der Gemeinde teil. Ambulante Pflegeeinrichtungen dürfen unter bestimmten Aspekten qualifizierte Gruppenangebote für ihre Kunden anbieten.

Der ambulante Pflegedienst „Hünxer Pflegedienst“ wurde am 01.01.2022 von Marco Cappell gegründet. Der Pflegedienst ist für die Bürger*innen in der Gemeinde Hünxe mit seinen Ortsteilen Bruckhausen, Bucholtwelmen, Gartrop, Drevenack und Krudenburg gedacht und versorgt Menschen jeder Altersklasse. Der Pflegedienst umfasst Pflege-, Betreuung und hauswirtschaftliche Leistungen und versorgt aktuell ca. 130 Kund*innen. Es sind 21 Personen im Hünxer Pflegedienst beschäftigt.

Die Projektteilnahme verfolgt das Ziel, ein monatlich wiederkehrendes Kulturangebot aufzubauen, welches in den Räumen des Pflegedienstes für Kund*innen und Gäste angeboten werden soll. Neben der gemeinsamen Bildbetrachtung als Gesprächsanlass besteht Zeit und Gelegenheit zum gemeinsamen Kaffeetrinken und Klönen. Es basiert auf der Beobachtung, dass die Menschen mitunter allein leben, das Haus/Wohnung allein nicht mehr verlassen können und Angehörige und Freunde nur in geringer Anzahl vorhanden oder in der Umgebung angesiedelt sind. „Emotionale Vereinsamung liegt dann vor, wenn ein Mangel an erfüllenden, engen und intimen Beziehungen zu Verwandten, Familienangehörigen oder Partnern besteht. Gesellige Vereinsamung hingegen wird eher durch zu wenige Kontakte im nahen Lebensumfeld, wie zur Nachbarschaft, am Arbeitsplatz oder im Verein, zu Freund*innen und Bekannten ausgelöst (Schobin 2018, S. 48)“ Entgegen der Annahme, dass Vereinsamung kein Thema im ländlichen Raum darstellt, führt beispielsweise Neu aus: „…, sollte nicht aus den Augen verloren werden, dass Einsamkeit in ländlichen Räumen, gerade in  Anbetracht größerer räumlicher Nähe und hoher sozialer Kontrolle, mindestens ebenso schmerzhaft sein kann wie in der Anonymität der Großstadt.“ (2022, S.40f.)

Planung + Durchführung der digitalen Museumsführung

Im Anschluss an die Schulungstermine durch Herrn Schmauck-Langer begann die Planung der Veranstaltungen im Hünxer Pflegedienst. Aufgrund der besonderen Situation eines ambulanten Pflegedienstes wurden insgesamt zwei Führungen für die Kund*innen und Angehörige des Pflegedienstes sowie eine weitere Veranstaltung für interessierte Personen der ambulanten und stationären Einrichtungen in Hünxe, Vereine & Verbände im Feld (z. B. Digitalcafé Hünxe, Heimatverein Hünxe), Vertreter*innen der Kirchen und interessierte Ehrenamtliche geplant.

Umsetzung

Telefonische Einladung der Kunden & Gäste des Pflegedienstes für die ersten digitalen Museumsführungen am:

Freitag, 30.06.2023, 14:30 Uhr / Montag, 03.07.2023, 14:30 Uhr / Mittwoch, 05.07.2023, 14:30 U

(Anmeldung telefonisch beim Pflegedienst)

Hol- und Bringedienst: bereits bei Einladung telefonisch erfragen, Abholung ab 13:45 Uhr, im Anschluss an die Veranstaltung Rückfahrt

Vorbereitung der Räume:

  • Eingang: Rampe zur Überbrückung der Treppen
  • Seminarraum: abgedunkelt, bis zu 10 Stühle
  • Flur/Empfang: Garderobe, Getränke
  • PDL-Raum: Kaffee& Kuchen (bestellen), Geschirr & Besteck (10 Personen), Kaffee, Tee, kalte Getränke,
  • Toiletten

14:00 Uhr: gemeinsame Zoom-Sitzung & letzte Technik-Abstimmung mit Herrn Schmauck-Langer

14:30 – 15:15/15:30 Uhr: Begrüßung aller Anwesenden (kleines Grußwort vorbereiten), Museumsführung „Lichtdurchflutete Impressionisten“, Reflexion, gemeinsames Kaffeetrinken, Mitgebsel (z. B. Postkarte zum Thema der Museumsführung vorbereiten)

Rückfahrt / Abbau / Dokumentation

Vom Missverständnis zur Begeisterung

Bei der Planung und telefonischen Einladung der Personen zeigten sich erstmals große Unterschiede in der Vorstellung über eine „digitale Museumsführung“. Einige Personen dachten, sie würden per Video durch ein Museum geführt und besuchen eine aktuelle Ausstellung in Begleitung einer Museumsführung. Andere wiederum hatten die Vorstellung, eine Person von uns würde durch ein Museum laufen und im Live-Stream eine Übertragung anbieten. Insgesamt war das Format eines Zoom-Meetings bei den Kund*innen noch unbekannt, das Interesse anfänglich eher zurückhaltend. Über das gemeinsame Kaffeetrinken und die Begeisterung „etwas Digitales zu erleben, dass man den Kindern/Enkelkindern erzählen könnte“, waren einige Kund*innen für die Teilnahme zu begeistern. Ohne das Angebot des Hol- und Bringedienstes wäre den Kund*innen die Teilnahme zu ca. 75% nicht möglich.

Technisches Setting (Details s. angehängte Datei)

Das technische Setting hat einige Übung erfordert. Die GoPro wurde bereits im Vorfeld für den Pflegedienst angeschafft, daher war es zunächst keine Option eine weitere Webcam zu kaufen. Der Umgang mit der GoPro ist allerdings herausfordernd, die Zuschaltung des Tons, die Aktivierung über das Steuerungsmodul des Beamer wiederholt nur mit Online-Anleitungen möglich. Die Einbindung und Komplexität der GoPro-Kamera führten aber leider auch dazu, dass die Ehrenamtlichen in der Nutzung der Kamera kaum eingebunden werden konnten. Dies ist erst in der Verstetigung des Angebotes und der Wiederholung der Durchführung zu empfehlen.

Reflexion des Vermittlungsangebotes

Zu Gast im Büro des Pflegedienstes zu sein und vertraute Personen vor Ort zu sehen, erleichterte das Ankommen in der ungewohnten Situation für die Kund*innen des Pflegedienstes sehr. Auch wirkten die Kund*innen sehr interessiert den Ort, die Personen im Büro/Hintergrund kennenzulernen.

Im Verlauf der drei Museumsführungen haben wir erfahren, dass das Format Zoom-Meeting eine Erläuterung benötigt und sehr unterschiedliche Vorstellungen über die Veranstaltung bestehen. Die Frage, wie wir mit Herrn Schmauck-Langer kommunizieren, wozu die zweite Kamera im Raum benötigt wird, welche Aufgabe die Assistenz im Raum hat, welche Verzögerung durch Ton und Bild geschehen können und was von den Teilnehmenden erwartet wird, ist in der Begrüßung unbedingt zu erklären. Wir haben gelernt, dass eine einfache Sprache notwendig ist, um die digitalen Abläufe zu beschreiben.

Die Führungen

Drei unterschiedliche Führungen haben wir ausprobieren können:

  1. Lichtdurchflutete Impressionisten
  2. Das Goldene Zeitalter der Malerei
  3. Die dänische Malerin Anna Ancher

In den Bildern der Malerin Anna Ancher entdeckten die Besucher*innen zum Beispiel die vertraute Szene der Pockenschutz-Impfung wieder, „die Haut wurde angeritzt“. Das Warte- und Behandlungszimmer war voller Frauen und Kindern in bunten Gewändern, die ihre Kinder spielen ließen, stillten und miteinander sprachen. „Mein Sohn ist auch Arzt, das kenne ich“, lautete eine Beobachtung. Die ländliche Region, Arbeitsanlässe wurde von den Besucher*innen wiedererkannt und benannt. Die konzentrierte Bildbetrachtung, die durch die digitale Lupe auf ein Vielfaches vergrößert werden konnten und dadurch viele Details sehbar wurden, war für 45 – 60 Minuten angesetzt.

Dieses Zeitfenster haben wir bei allen Führungen überschritten, weil die Gruppe im Gespräch mit Herrn Schmauck-Langer vertieft war oder Einzelne noch viele weitere Bilder hätten betrachten können. Für unser Publikum waren 3-5 Bildbetrachtungen gut zu verfolgen. Im anschließenden Kaffeetrinken wurde das Erlebte wiederholt oder hinterfragt. Auch viele Fragen zum Projekt, zu weiteren möglichen Museumsführungen spiegelten das Interesse der Beteiligten wider.

Die Auswahl der Bilder bzw. thematischen Führungen war in der heterogenen Gruppe nicht einfach. Ländliche Themen und Szenen ergaben leichtere Gesprächsanlässe, ein Wiedererkennen der Szene oder in Beziehung treten, war für unsere Besucher*innen sehr wichtig.

Wir sind sehr dankbar, interessierte Freiwillige für dieses Projekt gewinnen zu können, da diese allerdings im Vorfeld nicht an den Schulungsterminen – aus beruflichen Gründen – teilnehmen konnten, haben sie mitunter ganz eigene Vorstellungen in die Assistenz vor Ort eingebracht. Die Bedeutung der Kameraführung, dem verbalen Austausch von Gesagtem, Erlebtem oder Empfundenem im Raum im Kontakt zu Herrn Schmauck-Langer wurde dabei von Einzelnen unterschätzt. Die Kameraführung im Sinne eines Frontalunterrichtes vernichtet nahezu den Austausch im Raum, schneidet den digitalen Museumsführer von der Gruppe ab.

Die Unterstützung der Freiwilligen liegt also zu diesem Zeitpunkt in der gemeinsamen Bildbetrachtung, das gemeinsame Erleben als Publikum, der Austausch und die Versorgung beim Kaffeetrinken und langfristig im Handling des digitalen Settings sowie der Assistenz für die digital Museumsführenden.

Wir freuen uns auf eine Verstetigung des Angebotes und planen langfristig die Erweiterung der digitalen Museumsführung mit einem thematisch passenden geragogischen Druck-, Mal-, oder Werkangebot.

Literatur: (s. angehängte Datei)

 

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