Wie geht das? Ein Bild für die Teilhabeorientierte Vermittlung vorbereiten. Eine Handreichung

August Macke (1887 – 1914): Frau in grüner Jacke, 1913 / 44×43 / Öl auf Leinwand / Museum Ludwig, Köln

Die von (de)mentia+art entwickelte ‚Teilhabeorientierte Vermittlung‘ ermöglicht Menschen ein gemeinsames Entdecken von Kunstwerken und Objekten. Die eigenen Ressourcen, Gefühle und Meinungen sind ein struktureller Teil davon. Verbunden sind mit diesem Austausch oft intensive soziale Erfahrungen. Der oder die Museumsguide orientiert, moderiert und lenkt mit wachem Blick auf gesellschaftliche Veränderungen und die Möglichkeiten des einzelnen Individuums.
Dieser Paradigmenwechsel gegenüber der herkömmlichen Kunstvermittlung zieht immer weitere Kreise. In den zugehörigen Schulungen (zuletzt Praxistage in Graz) zeigen sich die Chancen für Kultureinrichtungen, bei diesem Format, dem umfassenden Wunsch nach Teilhabe in der Gesellschaft entgegenzukommen.

Als erster Impuls für interessierte Kolleginnen und Kollegen hier eine kleine Handreichnung.

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Vorbereitung eines Kunstwerks für teilhabeorientierte Vermittlung

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Die innere Haltung

Bevor ein Werk vorbereitet wird, steht eine Frage an den oder die Vermittler*in selbst:

Was soll im Vordergrund stehen: Erkenntnis oder Begegnung?

Die teilhabeorientierte Vermittlung hat keine Voraussetzungen. Sie geht nicht von Wissen über Kunst aus, sondern von Beziehung, Wahrnehmung und Resonanz. Sie eröffnet Erfahrungsräume, keine Belehrung. Sie vertraut auf die Wahrnehmung der Teilnehmenden, auch wenn sie von der eigenen abweicht.

Leitgedanken

– Ich öffne einen Raum der Erfahrung, nicht der Belehrung.

– Ich lasse Mehrdeutigkeit zu.

– Ich vertraue auf die individuellen (auch unterschiedlichen) Wahrnehmungen der Teilnehmenden.

– Aber: Ich gebe der Gruppe auch Orientierung!

  • A. Kommunikation
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– Einfach, aber nicht banal. Beschreibend statt bewertend. Dem Level der Gruppe angepasst.

– Keine Fachsprache. Sprechtempo langsam, Raum für Stille.

  • B. Rhythmus
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– Grundlagen schaffen: Stets mit dem gemeinsamen Entdecken, was für alle zu sehen ist, beginnen.

– Wahrnehmung entstehen lassen. Nach verbundenen Gefühlen fragen. (Verschiedene) Deutungen nacheinander und nebeneinander entstehen lassen.

– Pausen zulassen – sie sind Teil des Erlebens. Als Moderierende(r) ab und zu Deutungen, Beschreibungen zusammenfassen. Aber immer wieder (auch scheinbar naiv) nachfragen (Wichtig!)

  • C. Rolle der Vermittler*in
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– Orientierende Begleitung statt Führung.

– Zuhören ist wichtiger als Ergänzen. (Ergänzen kann auch in einer ’naiven‘ Frage an die Gruppe bestehen.)

– Nonverbale Resonanzen beachten: Gesten, Blicke, Atmung.

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Vorbereitung eines Werks

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SchrittFrage / ZielHinweise & Beispiele
Zur – eigenen – Orientierung einen roten Faden anlegen, mit ‚Verknüpfungen‘. Fragen, Hinweise und Beispiele sollten nicht nur in verbaler Kommunikation sondern auch in einer orientierenden Visualisierung zu Details erfolgenMan sollte zugleich bereit sein, den ‚roten Faden‘ (ganz oder teilweise) zu verlassen.
1. EntdeckenWas sehe ich, bevor ich etwas weiß? Was leitet mich? Offene Wahrnehmung: Licht, Farbe, Form, Richtung, Material. Keine Titel oder Daten.
2. BeschreibenWelche Elemente sind für alle sichtbar?Figur, Geste, Blick, Position, Raum. Sprache: einfach, klar, gegenständlich.
3. Emotion / HaltungWelche Emotionen werden sichtbar – und wie? Welche Bedeutung haben sie?Mimik, Körperhaltung, Lichtverteilung. Spannung zwischen äußerer Haltung und innerem Zustand.
4. Symbol / ObjektbezugGibt es Details mit nicht nur äußerer sondern auch innerer Bedeutung? Die über sich selbst hinaus weisen. Brosche, Blume, Buch, Werkzeug, Schatten – mögliche emotionale oder kulturelle Anker.
5. ResonanzpunktWo berührt mich das Werk selbst – körperlich oder emotional? Wo möchte ich hin – vielleicht um etwas zu vergleichen?Ort am Körper (Blick, Hand, Herz) als Anknüpfungspunkt für Resonanz oder Erinnerung. Aber auch der Kontext.
6. Offene DeutungWelche (visuelle) Orientierung kann man anbieten, ohne Deutungen festzuschreiben?„Schauen Sie mal: Was hat das…?“ „Vielleicht …“, „Könnte es sein …“
7. Überleitung zur GruppeOhne auf einen Bildungs-Input im engeren Sinn angewiesen zu sein: Welche Fragen eröffnen eigene Wahrnehmungen und Ressourcen?„Was meinen Sie: Was könnte das bedeuten?“, „Wie wirkt das auf Sie?“,

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