
Der folgende Artikel fasst im ersten Schritt unsere Überlegungen der letzten Jahre zusammen zu den Grundlagen und Bedingungen kultureller Teilhabe im Bereich Inklusion. Viele Materialien dazu sind in der ‚Schublade‘ abgelegt, die in ‚meiner‘ KI für (de)mentia+art angelegt ist und auf die ich mich bei neuen Abfragen beziehen kann. Aktuell ist daraus der unten stehende Artikel entstanden. Ausgangspunkt ist ein Verständnis kultureller Teilhabe, das Menschen nicht betreut oder beschäftigt, sondern sie als wahrnehmende, fühlende und deutende Personen systematisch einbezieht. Dies bezieht sich dann auch auf Gruppen von Betroffenen in Museen, wo es für den Vermittler gilt, ästhetische Räume für einen interaktiven sozialen Austausch zu gestalten. Der zweite Schritt greift die aktuelle Entwicklung auf einer immer schnelleren Ausweitung der Fähigkeiten von Künstlicher Intelligenz. Also: Kann eine KI in ein paar Jahren die bessere Kunstvermittlerin sein? (Jochen Schmauck-Langer)
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Was der Mensch vor dem Kunstwerk kann
Teilhabe-orientierte Vermittlung im Zeitalter der KI
In den kommenden Jahren werden digitale Angebote einen immer größeren Teil der Kunstvermittlung übernehmen. Schon heute können Besucherinnen und Besucher mit dem Smartphone Informationen über ein Kunstwerk abrufen, sich Texte vorlesen lassen, Detailansichten betrachten oder einen Rundgang durch eine Ausstellung zusammenstellen. Künstliche Intelligenz wird diese Möglichkeiten erheblich erweitern. Sie wird nicht mehr nur vorgefertigte Informationen abspielen, sondern auf Fragen antworten, unterschiedliche Wissensstände berücksichtigen und Erklärungen an Alter, Interessen und sprachliche Fähigkeiten anpassen können.
Eine Besucherin kann sich dann vielleicht entscheiden, ob sie ein Gemälde kunsthistorisch, biografisch, politisch oder über seine Farben kennenlernen möchte. Ein Besucher wird nachfragen können, warum eine Figur so merkwürdig am Bildrand steht. Eine Familie erhält eine andere Erklärung als eine Schulklasse. Menschen mit wenig Vorwissen bekommen einen leicht zugänglichen Einstieg, Fachleute eine ausführlichere Einordnung. Fremdsprachen, einfache Sprache und individuelle Wege durch das Museum lassen sich ohne großen zusätzlichen Aufwand anbieten.
Ein großer Teil dessen, was bisher als Kunstvermittlung galt, kann dadurch tatsächlich von digitalen Systemen übernommen werden. Dies betrifft vor allem die relativ streng fokussierten Inhalte bei der Vermittlung von neuen Ausstellungen. Daten, Lebensläufe, Stilepochen, Bildbeschreibungen und historische Zusammenhänge lassen sich schnell, zuverlässig und immer genauer bereitstellen. Auch Fragen können vorbereitet, Bilder miteinander verglichen und persönliche Interessen berücksichtigt werden. Der klassische Audioguide wird sich auf diese Weise von einer Tonspur zu einem beweglichen Gesprächspartner entwickeln.
Diese digitale KI-Einbindung ist zunächst ein ‚Rationalisierungs-Gewinn‘ für die Museen. Für die Guides wird es in vielen Fällen zum Verlust von Verdienstmöglichkeiten führen. Informationen werden leichter zugänglich. Menschen können ihr eigenes Tempo wählen. Wer schlecht hört, sieht oder liest, kann andere Zugänge nutzen. Wer wegen einer körperlichen Einschränkung, einer psychischen Belastung oder einer Demenz nicht ins Museum kommen kann, kann an einer digitalen Führung teilnehmen. Pflegeeinrichtungen, Schulen und kleinere Kulturorte können auf hochwertige Inhalte zugreifen. Die Digitalisierung öffnet eine zweite Tür zur Kunst.
Was macht menschliche Kunstvermittlung eigentlich aus?
Doch gerade weil die Technik immer besser wird, stellt sich die Frage für uns neu, was menschliche Kunstvermittlung eigentlich ausmacht. Wenn eine Maschine Wissen vermitteln, Bilder beschreiben und individuelle Fragen beantworten kann: Wozu braucht es dann noch einen Menschen, der eine Gruppe durch das Museum begleitet?
Die Antwort liegt nicht in einem Wettstreit um kunsthistorisches Wissen. Eine künstliche Intelligenz wird sehr wahrscheinlich mehr Daten speichern, schneller auf Zusammenhänge zugreifen und mehr Vergleichsbilder nennen können als ein einzelner Guide. Auch vorbereitete Fragen, musikalische Anregungen oder biografische Bezüge kann sie in großer Zahl erzeugen. Der besondere Wert menschlicher Vermittlung beginnt dort, wo aus einzelnen Besucherinnen und Besuchern eine Gruppe wird – und aus dem Betrachten eines Kunstwerks ein gemeinsames Entdecken.
Nicht erklären, was zu sehen ist
Viele Museumsführungen folgen noch immer einem vertrauten Muster. Eine fachkundige Person steht vor einem Kunstwerk und erklärt den anderen, was sie wissen sollten. Die Besucherinnen und Besucher hören zu. Vielleicht dürfen sie am Ende eine Frage stellen. Das Wissen bewegt sich im Wesentlichen in eine Richtung: vom Fachmenschen zur Gruppe.
Dieses Modell wird durch die Künstliche Intelligenz besonders leicht ersetzbar. Ein digitaler Kunstführer kann solche Informationen ebenfalls anbieten – oft ausführlicher, in mehreren Sprachen und jederzeit wiederholbar. Eine menschliche Vermittlung, die vor allem Daten und fertige Deutungen weitergibt, wird es deshalb in Zukunft schwer haben, ihren besonderen Wert zu begründen.
Teilhabe-orientierte Vermittlung geht von einem anderen Verständnis aus. Sie beginnt nicht mit der Frage: Was muss ich den Menschen über dieses Kunstwerk erzählen? Sie fragt: Was können wir hier gemeinsam entdecken?
Was können wir hier gemeinsam entdecken?
Der Unterschied scheint zunächst klein. Tatsächlich verändert er die gesamte Situation. Die Teilnehmenden sind nicht mehr nur Empfängerinnen und Empfänger von Wissen. Ihre Wahrnehmungen werden zum Ausgangspunkt des Gesprächs. Sie beschreiben, was ihnen auffällt. Sie bemerken eine Körperhaltung, eine Farbe, einen Abstand zwischen zwei Figuren oder eine merkwürdige Geste. Vielleicht sieht jemand etwas, das der Guide selbst bisher übersehen hat. Vielleicht entsteht aus mehreren Beobachtungen eine neue Deutung.
Das bedeutet nicht, dass alle Aussagen gleich richtig sind oder dass kunsthistorisches Wissen keine Rolle mehr spielt. Der Guide bleibt verantwortlich für die Auswahl des Kunstwerks, für Orientierung und für sachliche Informationen. Er entscheidet aber genauer, wann sein Wissen dem gemeinsamen Sehen hilft – und wann es das Gespräch zu früh beendet.
„Wie geht es dieser Person?“
Statt sofort zu erklären, warum eine Figur traurig aussieht, kann er fragen: „Wie geht es dieser Person?“ Statt eine soziale Benachteiligung in einem Bild festzustellen, kann der Guide zunächst die unterschiedlichen Beteiligten beschreiben lassen und vielleicht die räumliche Distanz zwischen ihnen. Wissen wird nicht zurückgehalten, um die Menschen im Unklaren zu lassen. Vielmehr wird es so eingesetzt, dass es eine genauere eigene Wahrnehmung ermöglicht.
Das für alle Sichtbare
Damit wird eine Führung zu einem offenen, aber nicht beliebigen Vorgang. Das Kunstwerk steht im Mittelpunkt. Alle Äußerungen werden immer wieder auf das für alle Sichtbare zurückgeführt. Was sehen wir tatsächlich? Welche Wirkung entsteht? Welche Deutung ergibt sich eventuell neu daraus? Zwischen diesen drei Schritten bewegt sich das Gespräch.
Was inklusive Vermittlung sichtbar gemacht hat
Viele dieser (oftmals verborgenen) Ressourcen wurden besonders deutlich in der Arbeit mit Menschen mit Demenz und mit psychischen Erkrankungen. Dort reicht es nicht, einen vorbereiteten Vortrag etwas langsamer zu halten oder schwierige Begriffe zu vermeiden. Die gesamte Vermittlung muss von den Menschen und ihrer augenblicklichen Situation her gedacht werden.
Menschen mit Demenz
Menschen mit Demenz können Schwierigkeiten haben, sich an Namen, Jahreszahlen oder längere Erklärungen zu erinnern. Das bedeutet aber nicht, dass ihre Wahrnehmung verschwunden ist. Sie reagieren auf Farben, Gesichter, Bewegungen, Musik und Stimmungen. Sie erkennen eine Anstrengung in einer Körperhaltung oder spüren die Spannung zwischen zwei Figuren. Manchmal zeigt sich eine Erinnerung nicht als zusammenhängende Erzählung, sondern in einer Geste, einem Liedanfang, einem Gesichtsausdruck oder einem einzelnen Satz.
Die Frage nach der eigenen Erinnerung kann dann zu groß und zu eng werden. Sie verlangt eine geordnete biografische Antwort. Zugänglicher ist häufig die Frage nach emotionalem Ausdruck, nach einer Detail einer Landschaft oder einfach: „Gefällt Ihnen das Bild?“ Und wenn ja: „Was ist denn da zu sehen?“ Eine Person muss nicht vollständig etwas benennen können, um an der Begegnung beteiligt zu sein: Der Guide gibt das Entdecken geschmeidig an die Gruppe weiter. So werden verschiedene Wahrnehmungen zusammengetragen.
Menschen mit psychischen Belastungen
Ähnliches gilt für Menschen mit psychischen Belastungen. Wer unter Depressionen, Ängsten, starker Unsicherheit oder den Folgen einer seelischen Krise leidet, braucht einen überschaubaren Rahmen, ein ruhiges Tempo und die Sicherheit, nicht geprüft oder zur persönlichen Offenbarung gedrängt zu werden.
Gerade das Kunstwerk bietet dafür eine besondere Möglichkeit. Es steht zwischen den Menschen. Man muss nicht sofort über die eigene Angst, Einsamkeit oder Scham sprechen. Man kann zunächst über die Einsamkeit einer Figur, die Unsicherheit einer Bewegung oder die bedrückende Weite einer Landschaft sprechen. Kunst ermöglicht Nähe, ohne unmittelbar auf einen Menschen zuzugreifen.
Was zunächst als besondere Methode für einzelne inklusive Gruppen entwickelt wurde, erweist sich deshalb als allgemeines Modell guter Kunstvermittlung. Auch Menschen ohne ‚Diagnose‘ bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit. Sie sehen nicht dasselbe. Sie können sich unterschiedlich gut ausdrücken. Manche sprechen schnell und selbstbewusst, andere brauchen Zeit. Manche kennen viele Fachbegriffe, andere fühlen sich im Museum unsicher. Manche reagieren zunächst über Gedanken, andere über Gefühle oder körperliche Eindrücke.
Inklusive Vermittlung macht deutlicher, was in jeder Gruppe gilt: Teilhabe entsteht nicht dadurch, dass alle dasselbe Angebot erhalten. Sie entsteht dadurch, dass unterschiedliche Zugänge möglich werden.
Die feinen Zeichen einer Gruppe
Die anspruchsvollste Aufgabe des Guides besteht deshalb nicht darin, möglichst viel zu wissen. Sie besteht darin, gleichzeitig das Kunstwerk, die einzelnen Menschen und die Gruppe als Ganzes wahrzunehmen.
Wer möchte etwas sagen, findet aber nicht den richtigen Moment? Wer ist durch eine lange Antwort eines anderen Teilnehmers zurückgedrängt worden? Wer schaut aufmerksam, beteiligt sich aber nicht mit Worten? Wer wirkt müde oder unruhig? Hat eine Frage die Gruppe geöffnet oder eher verunsichert? Braucht es eine weitere Frage, eine Zusammenfassung oder einfach einige Sekunden Ruhe?
Solche Entscheidungen entstehen nicht nach einem festen Ablaufplan. Sie verlangen Aufmerksamkeit für Stimme, Blick, Haltung, Bewegung und Schweigen. – Schweigen kann vieles bedeuten. Ein Mensch kann konzentriert auf das Bild schauen. Er kann keine Worte finden. Er kann sich nicht trauen zu sprechen. Er kann emotional berührt oder erschöpft sein. Vielleicht interessiert ihn das Werk auch einfach nicht. Ein guter Guide legt sich nicht sofort auf eine Erklärung fest. Er hält mehrere Möglichkeiten offen und versucht vielleicht., durch eine kleine, passende Einladung Orientierung zu geben.
Manchmal genügt der Satz: „Schauen wir noch einmal auf die Hände: Wirkt die Frau entspannt auf Sie?“ In einer anderen Situation kann eine offene Frage sinnvoll sein: „Was könnte zwischen den beiden Menschen geschehen sein?“
Diese Art des Fragens ist mäeutisch. Das bedeutet in einfacher Sprache: Die Antwort soll nicht vom Guide vorgegeben werden. Vielmehr hilft die Frage den Beteiligten, eine eigene Beobachtung oder einen eigenen Gedanken hervorzubringen. Der Guide führt das Gespräch, gibt Orientierung, ohne den Verlauf und das Ergebnis vollständig festzulegen. Er wird ungewöhnliche Antworten nicht vorschnell korrigieren. Wenn ein Mensch mit Demenz vor einem Bild sagt: „Die muss da weg“, ist das vielleicht keine genaue Beschreibung der dargestellten Handlung. Der Satz kann aber eine starke Wahrnehmung von Bedrängnis, Fremdheit oder Ausgrenzung enthalten. Der Guide kann fragen: „Vielen Dank – können Sie uns sagen, wie Sie das meinen? Was lässt Sie das spüren?“ So wird die Äußerung ernst genommen und zugleich wieder mit dem Bild verbunden.
Ein solches Gespräch lebt davon, dass auch Bruchstücke Bedeutung haben dürfen. Nicht jeder Gedanke muss vollständig formuliert sein. Nicht jede Erinnerung muss überprüfbar sein. Nicht jede Reaktion muss in eine schlüssige Deutung münden. Der Guide schützt die Offenheit des Gesprächs, ohne die Orientierung am Kunstwerk aufzugeben.
Gefühle wahrnehmen, ohne sie zu benutzen
Kunstwerke können starke Gefühle auslösen. Eine Geste erinnert an einen Abschied. Eine Landschaft ruft eine verlorene Heimat auf. Ein Familienbild berührt eine Person, deren Angehörige gestorben sind. Eine Darstellung von Enge oder Ausgrenzung kann bei Menschen mit psychischen Krisenerfahrungen intensive Reaktionen hervorrufen.
Eine verantwortliche Vermittlung sucht solche Reaktionen nicht um jeden Preis. Sie benutzt Gefühle nicht, um eine Führung besonders eindrucksvoll erscheinen zu lassen. Gleichzeitig darf sie Emotionen auch nicht vermeiden. Wer jede mögliche Berührung ausschließt, nimmt der Kunst einen wesentlichen Teil ihrer Bedeutung.
Der Guide muss deshalb wahrnehmen, wie stark eine Reaktion ist und ob die betroffene Person weiterhin in der Situation bleiben kann. Er muss unterscheiden zwischen einer bewegenden Erfahrung und einer Überforderung. Er sollte Nähe anbieten können, ohne therapeutisch aufzutreten. Manchmal ist es richtig, einen Gedanken vorsichtig aufzunehmen. Manchmal braucht ein Mensch eine Pause oder die Begleitung einer vertrauten Person.
Diese Verantwortung lässt sich nicht vollständig in Regeln übersetzen. Selbst sehr gute Vorbereitung kann nicht festlegen, wie eine konkrete Person an einem konkreten Tag auf ein Kunstwerk reagieren wird. Der Guide muss seine Planung verändern können. Er muss vielleicht ein Werk auslassen, die Gruppe früher setzen lassen oder ein intensives Gespräch mit einem ruhigeren Abschluss beenden.
Die eigene Körperlichkeit des Guides
Auch die eigene Körperlichkeit des Guides spielt dabei eine Rolle. Wie nah steht er bei der Gruppe? Spricht er zu laut oder zu schnell? Wirkt seine Haltung offen? Hört sich seine Stimme wirklich interessiert, neugierig und empathisch an? Gibt er einer zögernden Person Zeit? Zeigt sein Gesicht, dass eine Beobachtung willkommen ist? Menschen reagieren nicht nur auf Wörter. Sie reagieren auf die gesamte Situation.
Gerade darin liegt eine Grenze gegenwärtiger und absehbarer Künstlicher Intelligenz. Eine KI kann Gefühle in Sprache erkennen und typische Antworten darauf erzeugen. Sie kann vielleicht Gesichtsausdrücke, Lautstärke und Bewegungen auswerten. Doch aus diesen Zeichen entsteht noch keine sichere Kenntnis darüber, was ein Mensch gerade erlebt.
Ein gesenkter Blick kann Scham, Müdigkeit, Konzentration oder Desinteresse ausdrücken. Ein Lachen kann Freude sein, aber auch Unsicherheit. Eine scheinbar unpassende Bemerkung kann eine überraschende Verbindung zum Kunstwerk enthalten. Menschliche Wahrnehmung ist ebenfalls nicht fehlerfrei. Aber ein erfahrener Guide steht selbst als fühlender und körperlich anwesender Mensch in der Situation. Er kann eine Vermutung vorsichtig prüfen, seine Haltung verändern und Verantwortung für die Folgen seiner Entscheidung übernehmen.
Wenn sich auch der Guide verändern muss
Zu einer gelungenen Führung gehört noch etwas, das leicht übersehen wird: Nicht nur die Teilnehmenden entdecken etwas. Auch der Guide kann durch die Gruppe neu sehen lernen.
Eine Teilnehmerin bemerkt vielleicht die ungewöhnlich großen Füße eines Knechts, der mit aller Kraft ein wildes Pferd hält. Ein anderer sieht in der leicht gebeugten Haltung einer jungen Frau nicht nur Müdigkeit, sondern den Versuch, mit Würde an einer wohlhabenden Gesellschaft vorbeizugehen. Durch solche Beobachtungen verändert sich das Bild für alle Beteiligten.
Der Guide sollte diesen Vorgang sichtbar machen können. Er kann sagen: „Bisher haben wir vor allem auf die festliche Gesellschaft geschaut. Durch Ihren Hinweis auf den schweren Korb sehen wir nun auch, was diese scheinbare Leichtigkeit möglicherweise kostet.“
In diesem Moment wird nicht nur eine Antwort wertgeschätzt. Der Beitrag einer Person verändert das gemeinsame Sehen. Sie erfährt, dass ihre Wahrnehmung im öffentlichen Raum des Museums Bedeutung besitzt.
Das ist ein Kern kultureller Teilhabe. Menschen werden nicht nur in ein bestehendes Kulturangebot aufgenommen. Ihre Beobachtungen wirken auf die Situation zurück. Das Museum wird für einen Augenblick zu einem Ort, an dem (soziale) Bedeutung gemeinsam entsteht.
Eine KI kann eine solche Reaktion sprachlich nachbilden. Sie kann einen Beitrag zusammenfassen und mit früheren Aussagen verbinden. Schwieriger ist die Frage, ob sie sich tatsächlich von einer Beobachtung überraschen lassen kann. Denn Resonanz bedeutet mehr als eine passende Antwort. Sie bedeutet, dass etwas zwischen Menschen geschieht und dass alle Beteiligten – auch der Guide – danach ein wenig anders auf das Werk schauen.
Gerade hier zeigt sich der Unterschied zwischen einem Gespräch, das technisch gut geführt wird, und einem gemeinsamen Entdecken. Das Ziel ist nicht erreicht, wenn der Guide oder die KI besonders klug erscheinen. Es ist erreicht, wenn die Gruppe am Ende sagen könnte: Wir haben gemeinsam etwas gesehen, das vorher für uns noch nicht da war.
Die neue Arbeitsteilung
Aus dieser Unterscheidung folgt keine Ablehnung der Künstlichen Intelligenz. Im Gegenteil: Sie kann die Arbeit der Vermittlung wesentlich unterstützen. Sie kann bei der Vorbereitung helfen, geeignete Werke zu finden und hochwertige Digitalisate bereitzustellen. Sie kann Bilddetails vergrößern, Informationen ordnen und unterschiedliche Beschreibungen entwerfen. Sie kann auf mögliche Barrieren hinweisen: Ist ein Bild zu klein, zu unübersichtlich oder nur mit umfangreichem Vorwissen verständlich? Enthält es Motive, die in einer bestimmten Gruppe vorsichtig behandelt werden sollten?
Eine KI kann verschiedene Fragewege entwickeln, musikalische Akzente vorschlagen und Materialien in einfacher Sprache erstellen. Sie kann dabei helfen, digitale Führungen für Pflegeeinrichtungen vorzubereiten oder einzelne Werke an biografische Interessen anzupassen. Nach einer Veranstaltung kann sie Beobachtungen ordnen und dokumentieren.
Auch während eines individuellen Museumsbesuchs kann sie sehr hilfreich sein. Ein weiterentwickelter Audioguide wird vermutlich große Teile der informierenden und erklärenden Vermittlung übernehmen. Er kann Menschen selbstbestimmt durch die Sammlung führen und auf ihre Fragen eingehen.
Die Zukunft der menschlichen Kunstvermittlung
Die menschliche Vermittlung sollte also nicht versuchen, diese KI-gebundenen
Systeme durch eine größere Menge an Informationen zu übertreffen. Die Zukunft menschlicher Vermittlung liegt in der sozialen und leiblichen Situation: in der kleinen oder größeren Gruppe vor dem Kunstwerk, im gemeinsamen Sehen, im Fragen, im Schweigen, im Wahrnehmen von Gefühlen und im behutsamen Entstehen von Bedeutung.
Dafür braucht es allerdings eine Aufwertung der Vermittlung. Wer ein solches Gespräch führt, ist nicht bloß eine freundliche Begleitung mit kunsthistorischen Kenntnissen. Er oder sie benötigt Erfahrung, Aufmerksamkeit, sprachliches Geschick, ethische Sicherheit und die Fähigkeit zur Improvisation.
Vor allem darf Teilhabe-orientierte Vermittlung nicht zu einer Sammlung standardisierter Fragen verflachen. Eine Liste mit Formulierungen kann hilfreich sein. Sie ersetzt aber nicht die Entscheidung, welche Frage in diesem Augenblick zu dieser Gruppe passt. Auch eine Methode, die aus inklusiver Praxis entstanden ist, kann ihre Qualität verlieren, wenn nur ihre äußeren Schritte übernommen werden.
Entscheidend ist die Haltung: Menschen sollen nicht an ein bestehendes Vermittlungsformat angepasst werden. Das Format muss so gestaltet werden, dass unterschiedliche Formen der Wahrnehmung, des Erinnerns, des Sprechens und des Schweigens darin Platz haben.
Entscheidend ist die Haltung
Teilhabe-orientierte Vermittlung sollte deshalb nicht als Sonderangebot für Menschen mit Demenz oder psychischen Erkrankungen verstanden werden. Sie ist eine allgemeine Methode für das Museum.
Sie nimmt ernst, dass Wahrnehmung immer unterschiedlich ist. Sie setzt nicht voraus, dass alle Besucherinnen und Besucher dieselben sprachlichen oder kulturellen Voraussetzungen mitbringen. Sie öffnet das Kunstwerk, ohne es beliebig werden zu lassen. Sie verbindet Wissen mit Erfahrung und individuelle Beobachtungen mit einer gemeinsamen Suche.
Dadurch gewinnt auch der Begriff der Barrierefreiheit eine weitere Bedeutung. Ein Museum ist nicht schon deshalb zugänglich, weil es einen Aufzug, eine Rampe und eine geeignete Toilette besitzt. Auch das Kunstwerk und die Vermittlung müssen innerlich zugänglich sein. Raum, Licht, Akustik, Tempo, Gruppengröße und Sprache entscheiden mit darüber, ob Menschen wirklich teilnehmen können.
Das gilt nicht nur für ausdrücklich inklusive Gruppen. Auch eine bildungsgewohnte Museumsbesucherin kann sich von Fachsprache ausgeschlossen fühlen. Auch ein gesunder Mensch kann müde, unsicher oder emotional belastet sein. Auch eine Schulklasse besteht aus sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten. Teilhabe-orientierte Vermittlung behandelt diese Verschiedenheit nicht als Störung, sondern als Ausgangspunkt.
Die Aufgabe des menschlichen Guides
Gerade darin liegt ihre Antwort auf die Künstliche Intelligenz. Je stärker digitale Systeme standardisierte und individualisierte Inhalte bereitstellen, desto deutlicher wird die Aufgabe des menschlichen Guides. Er ist nicht in erster Linie Wissenslieferant. Er schafft einen sozialen Raum, in dem Menschen ihre Wahrnehmungen einbringen können. Er nimmt Körper und Gefühle ernst. Er hält Mehrdeutigkeit aus. Er sorgt dafür, dass nicht nur die schnellsten und sprachgewandtesten Personen gehört werden. Und er hilft einer Gruppe, aus vielen einzelnen Blicken ein gemeinsames Entdecken entstehen zu lassen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wann eine KI alles besser kann. Sie lautet, welches Verständnis von Kunstvermittlung wir zum Maßstab machen.
Welches Verständnis von Kunstvermittlung machen wir zum Maßstab?
Verstehen wir Vermittlung hauptsächlich als Weitergabe von Informationen, wird die KI einen großen Teil davon übernehmen. Verstehen wir sie als gemeinsames ästhetisches Entdecken im sozialen Raum, bleibt der Mensch auf absehbare Zeit unverzichtbar.
Vielleicht führt die technische Entwicklung deshalb nicht zum Ende menschlicher Kunstvermittlung, sondern zu ihrer Klärung. Die KI zwingt Museen, genauer zu benennen, was ein guter Guide leistet, leisten sollte. Diese Fähigkeiten wurden in der inklusiven Kulturarbeit (siehe: Teilhabe-orientierte Vermittlung) besonders sorgfältig entwickelt. Dies kann ein Ausgangspunkt für eine neue allgemeine Art der Vermittlung sein.
Nicht die Künstliche Intelligenz allein wird darüber entscheiden, wie die Kunstvermittlung der Zukunft aussieht. Entscheidend ist, welches Bild vom Menschen und vom Museum wir ihr gegenüber behaupten. Ein Museum kann ein Ort sein, an dem Wissen abgerufen wird. Es kann aber auch ein Ort sein, an dem Menschen einander und die Welt anders wahrnehmen lernen. Für die erste Aufgabe wird die KI immer leistungsfähiger werden. Für die zweite brauchen wir weiterhin hochqualifizierte Menschen.