Über Grenzen von Inklusion: Zwischen Wahrnehmung und Überforderung – Yayoi Kusama im Museum Ludwig

Yayoi Kusama: Infinity Mirrored Room (Detail) – The Hope of the Polka Dots Burried in Infinity will eternally cover the universe, 2025 / begehbare Raum Installation innerhalb eines geschlossenen Würfels / Museum Ludwig

Ich finde die Ausstellung sehr beeindruckend! Nicht zuletzt, weil die Künstlerin Yayoi Kusama ihre lebenslange psychische Erkrankung und ihre inneren Impulse bewusst in ein künstlerisches System überträgt. Und dies über Jahrzehnte.
Allerdings werde ich die Ausstellung nicht mit Gruppen von Menschen mit psychischen oder kognitiven Beeinträchtigungen besuchen. – Warum das so ist? Ich habe versucht, im Folgenden diese Haltung grundsätzlicher für die Arbeit von (de)mentia+art darzustellen. (Jochen Schmauck-Langer)


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Kusama, Immersion und die leiblichen Bedingungen von Teilhabe

Es gehört zu den prägenden Gesten der Gegenwartskunst, den Raum selbst zum Medium zu machen. Kunst soll nicht mehr nur betrachtet, sondern betreten werden. Sie soll umgeben, einhüllen, erfassen. In den Installationen von Yayoi Kusama findet diese Entwicklung eine besonders konsequente Form: Muster breiten sich über alle Flächen aus, Spiegel vervielfachen das Sichtbare ins Unendliche, und der eigene Körper wird Teil eines Raumes, der keine klaren Grenzen mehr kennt.

Diese Form der Kunst ist ästhetisch überzeugend. Sie steht in einer Linie mit künstlerischen Entwicklungen seit der Nachkriegszeit, die die Distanz zwischen Werk und Betrachter aufheben wollten. Doch gerade in dieser Aufhebung liegt ein Problem, das im Kontext von Inklusion bislang eher selten benannt wird.

Denn die entscheidende Frage lautet nicht nur, wer Zugang zur Kunst hat, sondern: Unter welchen Bedingungen kann Wahrnehmung überhaupt gelingen?

Wahrnehmung als leiblicher Vollzug

Phänomenologische und embodiment-orientierte Ansätze – etwa bei Thomas Fuchs – machen deutlich, dass Wahrnehmung kein rein kognitiver Akt ist. Sie ist an den Körper gebunden: an Haltung, Bewegung, Gleichgewicht. Und vor allem an Orientierung, einer zentralen Kategorie unserer Existenz – insbesondere für Menschen mit psychischen oder kognitiven (Demenz) Beeinträchtigungen, für die wir seit über 10 Jahre viele teilhabeorientierte Führungen in Museen machen.

Denn Wahrnehmen heißt nicht einfach, Reize aufzunehmen, sondern sich in einem Raum zu verorten, Dinge auseinanderhalten zu können, zwischen Nähe und Distanz zu regulieren – mit der Chance, nein, mit der Gewissheit, Aufmerksamkeit bündeln und wieder zu lösen zu können. Diese Fähigkeiten bilden eine Art leibliche Grundordnung, nicht statisch, sondern situativ – und sie können überfordert werden.

Gerade in der Arbeit mit Menschen mit Demenz oder psychischen Erkrankungen zeigt sich, dass diese Ordnung fragil sein kann. Wahrnehmung entsteht hier oft erst im gemeinsamen Vollzug: durch langsames Annähern, durch Wiederholung, durch das Setzen von Orientierungspunkten. Ich nenne gemeinsames Entdecken, eine Kommunikation, die durchgängig strukturell angelegt ist.

Immersion und die Auflösung von Differenz

Immersive Installationen stellen diesem Prozess ein anderes Modell gegenüber. Sie verzichten weitgehend auf die Strukturierung von Wahrnehmung und setzen stattdessen auf ihre Verdichtung.

In den Räumen von Yayoi Kusama gibt es keinen stabilen Vordergrund mehr, äußere Reize erscheinen gleichzeitig und gleichgewichtig, Spiegelungen unterlaufen die räumliche Orientierung. In der Folge wird der Körper Teil eines unabschließbaren Feldes, sodass die klassische Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt ins Wanken gerät. Eine sichere Wahrnehmung wird nicht mehr organisiert, sondern ausgesetzt.

Aus kunsttheoretischer Perspektive ist das konsequent. Aus wahrnehmungstheoretischer Perspektive jedoch entsteht eine Verschiebung: Die Fähigkeit zur Ordnung wird nicht mehr unterstützt, sondern vorausgesetzt.

Externalisierte Innenwelten

Die besondere Intensität dieser Räume hängt auch mit ihrer biografischen Dimension zusammen. Yayoi Kusama hat ihre Arbeit immer wieder mit Halluzinationen und sich ausbreitenden Mustern beschrieben. Die Installationen lassen sich daher als Externalisierung innerer Erfahrungsräume verstehen. Was sonst im Inneren verbleibt, wird nach außen verlagert und für andere zugänglich gemacht.

Für viele Besucher entsteht damit eine ästhetische Erweiterung der Erfahrung. Für andere kann eine strukturelle Nähe zu eigenen, möglicherweise belastenden Zuständen entstehen. Diese Nähe betrifft insbesondere Reizüberflutung, Auflösung von Grenzen und eben jenen Verlust an Orientierung, von dem schon die Rede war. Freilich: In solchen Fällen kippt die Erfahrung. Sie ist nicht mehr primär ästhetisch, sondern existenziell.

Wahrnehmungsökologie und Teilhabe

Aus einer embodiment-orientierten Perspektive lässt sich sagen: Wahrnehmung ist an Bedingungen gebunden. Vor allem benötigt sie eine Art ökologisches Gleichgewicht zwischen Reiz und Struktur. –
Teilhabeorientierte Vermittlung arbeitet implizit genau an diesem Gleichgewicht, indem Wahrnehmung strukturiert wird, ohne sie zu verengen. Das heißt: wir ermöglichen nach wie vor Komplexität, aber in zeitlicher Folge. Raum für Rückzug und Neuorientierung sind dabei unverzichtbar.

Diese Praxis entspricht auch Einsichten der Disability Studies, die darauf hinweisen, dass Einschränkungen nicht allein im Individuum liegen, sondern im Zusammenspiel von Person und Umwelt entstehen.

Übertragen auf den Museumsraum bedeutet das: Nicht nur die BesucherInnen bringen Voraussetzungen mit – auch der Raum stellt Anforderungen. Immersive Installationen erhöhen diese Anforderungen erheblich. Sie setzen ein Maß an Selbstregulation voraus, das nicht bei allen BesucherInnen gegeben ist.

Die Grenze der Inklusion

(de)mentia+art versteht sich stets darin, Dinge zu ermöglichen, nicht sie zu verhindern! Doch wenn Inklusion häufig als Maximierung von Zugang verstanden wird, garantiert dies keine Teilhabe. Entscheidend ist, ob die Situation so gestaltet ist, dass Wahrnehmung möglich bleibt. Das heißt: Eine Ausstellung kann ästhetisch herausragend und zugleich für bestimmte Gruppen ungeeignet sein. – Diese Einsicht richtet sich nicht gegen die Kunst. Sie richtet sich an die Vermittlung. Sie fordert, Situationen nicht nur zu öffnen, sondern auch zu prüfen.

Vermittlung als situative Entscheidung

Die Rolle der Vermittlung verschiebt sich damit. Sie besteht nicht nur darin, Zugänge zu schaffen, sondern auch darin, Bedingungen zu bewerten. Im konkreten Fall kann das bedeuten: immersive Räume für bestimmte Gruppen nicht zu betreten. Wenn möglich alternative Formen der Annäherung zu wählen sowie die Erfahrung zu rahmen, statt sie ungebrochen zu überlassen. Damit wird der Wunsch nach inklusiver Teilhabe zugleich begleitet von einer Grundierung durch professionelle Vorbereitung und Verantwortung. Diese nimmt ernst, dass Teilhabe nicht durch Gleichbehandlung entsteht, sondern durch situative Passung.

Teilhabe als Möglichkeit sich zu orientieren

Die immersive Kunst erweitert den Erfahrungsraum der Gegenwart. Sie zeigt, wie weit Wahrnehmung gehen kann – und wo sie an Grenzen stößt. Gerade darin liegt ihr Erkenntniswert. Sie macht sichtbar, dass Wahrnehmung kein neutraler Zugang zur Welt ist, sondern ein leiblich gebundener, fragiler Prozess. Und dass Teilhabe dort beginnt, wo dieser Prozess unterstützt wird – nicht dort, wo er sich selbst überlassen bleibt.

Oder anders gesagt: Teilhabe beginnt nicht mit dem Zugang zum Raum, sondern mit der Möglichkeit, sich in ihm zu orientieren. Wo dies verloren geht, endet nicht die Kunst – doch wird der genaue Blick auf die Bedingungen der Teilhabe unabdingbar.

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Weitere Infos zu der Ausstellung finden Sie hier: https://www.museum-ludwig.de/de/ausstellungen/yayoi-kusama

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