Chancen und Voraussetzungen: Das BMFSFJ-Projekt „Digitale Museumsführungen für Menschen mit Demenz“

Der Erfahrungsbericht beschreibt die wichtigsten Abläufe und Erfahrungen dieses gewiss ungewöhnlichen Projekts mitten in der Hoch-Zeit der Pandemie. Er verweist auf Gelingensbedingungen und sieht am Ende die Chancen des digitalen Formats für den Inklusionsbereich als gegeben an – nicht zuletzt als Erweiterung von sozialen und kulturellen Teilhabemöglichkeiten (siehe ländliche Räume, Witterungsbedingungen u.a.).     [Jochen Schmauck-Langer, Geschäftsführer (de)mentia+art]



BASICS

(de)mentia+art hat bisher für Menschen mit demenziellen Veränderungen in verschiedenen Kölner Museen sowie als Outreach-Angebot mehr als 250 Führungen gestaltet. Partner war dabei der Museumsdienst Köln. Basierend auf diesen Erfahrungen wurden wir Mitte 2020 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) mit der Entwicklung eines digitalen Formats für den Inklusionsbereich betraut.
Entwickelt in Reaktion auf die damals unmittelbar bedrängenden Erfahrungen mit Pandemie, Isolation und Vereinsamung war die Prämisse, ein ortsunabhängiges digitales Vermittlungsformat zu schaffen. Wie bei unseren analogen Führungen sollte es eine wertschätzende und interaktive Teilhabe und Kommunikation für Menschen mit Demenz ermöglichen und ihre Ressourcen ansprechen. Das Projekt lief von Nov. 2020 bis August 2021. Etwa 140 Personen aus ganz Deutschland nahmen an den Schulungen teil. Viele arbeiteten dabei (wie gewünscht) als „Tandems“ zusammen, die sich aus Museumsmitarbeiter*innen zusammensetzten und aus professionell oder ehrenamtlich Engagierten in stationären oder ambulanten Pflegebereichen.

Für das Projekt brachte (de)mentia+art methodisch die in fünf Kölner Museen seit Jahren erprobte teilhabeorientierte Vermittlung ein und gestaltete schließlich das neue digitale Fo

rmat danach. ‚Interaktiv‘ bedeutete in diesem Fall, dass es ein Angebot für Kleingruppen (bis zu 8 – 10 Betroffene) sein sollte, z.B. Menschen mit Demenz in Wohnbereichen (also kein typisches „Konferenzformat mit jeweils einzelnen Teilnehmenden).
Das Format sollte sodann nach einer Pilotphase in Köln bzw. im Rheinland (bis März 2021) durch zahlreiche Schulungen möglichst in der bundesrepublikanischen Fläche bekannt gemacht werden. Dies gelang durch die Kooperation mit dem Bundesverband Museumspädagogik und die angeschlossenen Landes- bzw. Regionalverbände sowie durch die Zusammenarbeit mit einzelnen Pflegeeinrichtungen, Bildungsinstitutionen und weiteren Multiplikatoren, etwa im kommunalen Bereich. In die Pilotphase konnten wir die (teilweise geschlossenen) Kölner Museen mit bereits vorhandenen Digitalisaten einbringen, sodass es möglich war, mit neu erarbeiteten digitalen Versionen der wichtigsten analogen Führungslinien aus dem Inklusionsbereichen (Klassische Moderne, Impressionismus, Goldenes Zeitalter, Das Alte Köln etc.) die Bildgrundlagen für die bundesweiten Schulungen bereitzustellen.

Technische Voraussetzungen für die Teilnahme auf Seiten der Pflegeeinrichtungen waren eine gute Internetverbindung, ein Großbildschirm bzw. Beamer mit Leinwand und ein Notebook, über das der Zugangslink übertragen werden kann (der digital etwa mit dem Home-/Office eines/r Museumsmitarbeiter*in „verbunden“ wird. Ferner waren einige Kleinteile wichtig wie eine zweite, mobil eingesetzte Webcam mit Mikrofon.
Die Zusammenarbeit in Tandems war elementar für das neue digitale Format, bei dem inhaltliche und technische Bereiche zusammenkamen. Zu erwähnen ist hier das überaus große Engagement für dieses neue Format – gerade auch auf Seiten der Pflege, die inmitten der bedrängenden Isolation in der Pandemie für ihre Menschen mit und ohne kognitive Einschränkungen ein schönes und sinnvolles Angebot bekamen. Diese konnten nicht nur passiv teilhaben, sondern sie gestalteten mit ihren Wahrnehmungen das gemeinsame Entdecken von Kunstwerken auch mit…: „Menschen mit Demenz chatten im Videotalk über Kunst“…

Die Schulungen bestanden nun aus 3 Modulen. Modul 1 beinhaltete die technischen Voraussetzungen und Möglichkeiten. In Modul 2 wurden individuelle Termine mit den Pflegeeinrichtungen/Tandems zu den technischen Settings vereinbart. Das bedeutete, dass die teilnehmenden Pflegeeinrichtungen einen Link für einen bestimmten Termin bekamen. Ich betrat dann digital den Raum, wo das Angebot stattfinden sollte. Ebenso der konkrete Tandempartner aus dem Kulturbereich; manchmal auch mehrere. Wir schauten dann, wie sich die visuellen und akustischen Bedingungen optimieren ließen. Wo sitzen die Bewohner*innen und wie handhaben die Betreuer*innen in dem gegebenen Setting die mobile Webcam am besten, um die einzelnen Wahrnehmungen „einzufangen“? …

Dieses Modul hat sich als außerordentlich wichtig erwiesen für das Verständnis des ganzen Projektes. Auf dieser Erfahrung baut dann das Modul 3 auf, wo wir zuerst über diese verschiedenen Settingerfahrungen der Tandems sprachen. Danach ging es im Wesentlichen um den inhaltlichen Ablauf einer solchen Museumsführung – wobei eine auf das digitale Erleben angepasste Kommunikation gegenüber Menschen mit Demenz im Vordergrund stand. Zur besseren Anschauung präsentierte ich an dieser Stelle stets zwei unterschiedliche Bilder: ein Porträt eines jungen Mädchens (um die emotionale Erlebnisdichte zu zeigen) und ein Stillleben (um die handwerkliche, nahezu stoffliche Beschaffenheit durch die Möglichkeit von digitalen Details und -Zooms deutlich und damit besser wahrnehmbar zu machen. Im Kontext der Entwicklung der Schulungen und des ganzen Formats haben wir sodann gut 30 Führungen mit Bewohner*innen durchgeführt, begleitet von vorbereitenden Settings und evaluierenden Nachgesprächen.

Aufgabe der Sozial-kulturellen Betreuung während einer Führung
Das digitale Projekt und das Format ist nicht nur komplex, weil dabei technische Anforderungen und inhaltliche Aspekte zusammen spielen, sondern auch weil zwei Bereiche (Pflege/Kultur) beteiligt sind. Die Praxiserfahrung (s. technische Settings) hat gezeigt, dass die mobile Handhabung der zusätzlichen mobilen Webcam entscheidend ist für die Qualität der visuellen und akustischen Verhältnisse in der Kommunikation mit dem/der Kunstbegleiter/in bzw. mit den Bewohnern. Daraus ergab sich die notwendige Erkenntnis, dass die Betreuer*innen vor Ort eine weitaus aktivere und größere Rolle in der Kommunikation mit ihren Bewohner*innen einnehmen und mitgestalten konnten. Diese aktive Rolle wurde allenthalben als etwas Wertschätzendes wahrgenommen.

Evaluation und Akzeptanz

Die Akzeptanz dieser Art von interaktiver Kommunikation „mit dem Fernseher“, auch die aktive Teilnahme an einer digitalen Museumsführung für Menschen mit Demenz in einer Pflegeeinrichtung war außerordentlich groß. Es kam – anders als von mehreren Seiten befürchtet – nur in geringem Maße zu Irritationen. Die durchschnittliche Dauer wurde von uns auf 60 Minuten (statt 45) angehoben. Auch die Befragungen der Betreuer*innen, die aufgrund ihrer Erfahrung mit den beteiligten Bewohner*innen ihre Einschätzung wiedergaben, bestätigten die hohe Akzeptanz.
Zielgruppe waren Menschen in einer frühen und in einer frühen mittleren Phase. Darüber hinaus richtete sich die Zusammensetzung der Gruppe nach den Einschätzungen der Betreuer*innen, sodass auch immer wieder orientierte Bewohner*innen – etwa mit körperlichen Einschränkungen – beteiligt waren. Später konnten wir die Erfahrung machen, dass bei entsprechender Unterstützung auch Menschen in einem weiter fortgeschrittenen Stadium ihrer Demenz teilhaben konnten.

Probleme und Ausblick

Bei der Antragstellung (Mitte 2020) habe ich auf die Schwierigkeiten des Projekts verwiesen. Die wesentlichen Aspekte kann ich zwei Jahre später hier noch einmal bestätigen: Das digitale Format/Projekt ist – immer noch – neu und erscheint mit seinen anspruchsvollen Verschränkungen von Kultur, Demenz und Digitalität geradezu kühn – vor allem da es um ein interaktives Gruppenformat geht! Die Abläufe (z. B. die technischen Settings vor Ort sowie die Schulungen) waren mitten in einer Pandemie nicht sicher planbar. Einige dieser Probleme konnten wir bewältigen, andere nicht. Hinzu kam ein enges Zeitkorsett – bedingt durch die 10-Monats-Vorgabe, aber auch durch eigene Figurationen.

Als Projektleiter bin ich auf großes Engagement der Beteiligten gestoßen, gerade auch bei den Kolleg*innen im Pflegebereich. Das verpflichtete dann jedoch auch zurecht zu einer großen Servicebereitschaft unsererseits, vor allem in der Koordinierung von Terminen und bei mehrfachen Wiederholungen des technischen Settings für die beteiligten Pflegeeinrichtungen. Hinzu kamen ja als Teilnehmende Menschen mit kognitiven Veränderungen. Und ja, es gibt bei (de)mentia+art große Erfahrungen in der analogen Betreuung. Aber das interaktive digitale Format betrat auch hier Neuland. Oder anders gesagt: wir haben viel gewagt und überraschende, im Wesentlichen jedoch positive Erfahrungen machen können. Etwa bei der weit überwiegenden Akzeptanz der digitalen Kommunikation innerhalb dieser hochbetagten und eingeschränkten Gruppe. Oder auch durch die Möglichkeit, Betroffene in einer fortgeschritteneren Phase durch intensive Assistenz vor Ort für ein gemeinsames digitales Entdecken mit einzubeziehen.
Letztlich hat sich bestätigt, dass die Chancen für ein Gelingen als Teil und Ergänzung von kultureller Teilhabe im Rahmen der gerade beschlossenen Nationalen Demenzstrategie die Risiken eindeutig überwogen haben. – Bis auf den Faktor Zeit! Denn die Digitalität und die digitalen Führungen brauchen erkennbar mehr Zeit, um so alltäglich zu werden, dass sie von Pflege und Betreuung mit leichter Hand genutzt werden können. N u n sind die zahlreichen Förderprogramme zur Digitalisierung auch im Pflegebereich sehr willkommen. Für unser Projekt kamen sie jedoch vielfach zu spät.



WEITERE INFOS

  • Die digitalen Museumsführungen wurden als ein Beitrag der Kultur in die „Nationale Demenzstrategie“ aufgenommen.
  • Das Abschluss-Video zeigt am Beispiel einer Pflegeeinrichtung, wie man sich die technischen Vorbereitungen und den eigentlichen Ablauf einer solchen digitalen Museumsführung vorstellen kann. Dabei kommen die Betreuer*innen vor Ort ebenso zu Wort wie die teilnehmenden Menschen mit Demenz.

    Video “Digitale Museumsführungen für Menschen mit Demenz (ca. 8 Min.):  H i e r

    Barrierefreiheit
    : Das Video in leichter Sprache und Gebärdensprache ist ebenso dort zu finden. In dieser Video-DGS-Version gebärdet parallel zu unserem Ausgangsvideo eine Gebärdendolmetscherin. Auch lässt sich eine Untertitelung in einfacher Sprache hinzuschalten.
  • Handreichung für den Demenzbereich: https://dementia-und-art.de/attachments/article/581/Handreichung%20Digitale%20Museumsfuehrungen_Demenz.pdf
  • Handreichung für den Bereich psychische Erkrankungen: https://dementia-und-art.de/attachments/article/582/Handreichung%20Digitale%20Museumsfuehrungen%20Gruppe_psych.%20Erkrankungen.pdf

  • Schulungen zu den digitalen Museumsführungen für Menschen mit kognitiven oder psychischen Beeinträchtigungen sind bei (de)mentia+art (nun als kostenpflichtiges Fortbildungsangebot) verfügbar. Wir empfehlen, sie mit einer Qualifizierung zur Kulturbegleitung von Menschen mit kognitiven (Demenz) oder psychischen Beeinträchtigungen zu verbinden.

KONTAKT Jochen Schmauck-Langer, (de)mentia+art; 0157 88345881; schmauck.langer@live.de

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