“Klicker. Das haben wir viel gespielt!” – Digitale Museumsführung für Menschen mit Demenz im Technoseum, Mannheim

Marianne Michailov arbeitet im museumspädagogischen Dienst des TECHNOSEUMs – des baden-würtembergischen Landesmuseums für Technik in Mannheim. Sie nahm an der dreiteiligen Schulung zu digitalen Museumsführungen für Menschen mit Demenz in Pflegeeinrichtungen teil. Ihr Tandempartner war das Ida-Scipio-Pflegeheim in Mannheim, in der Fortbildung vertreten durch die Leiterin der sozialen Betreuung Frau Wojnicki. In ihrem anschaulichen Erfahrungsbericht beschreibt Frau Michailov die Erfahrungen mit einer ersten digitalen Führung für Menschen mit Demenz – die abweichend vom ursprünglichen Setting des Formats von (de)mentia+art im TECHNOSEUM mittels einer Videokonferenz aus dem Museum selbst durchgeführt wurde.



“Gleich vorweg: Die Führung hat mir Riesenspaß gemacht. Beteiligt war das Ida-Scipio-Pflegeheim, die Tandempartnerin vor Ort war Frau Wojnicki. Auch die Einrichtungsleitung Frau Anton hat die Führung angesehen. Die Gruppe bestand aus etwa acht Personen ohne die Pflegekräfte.

Im TECHNOSEUM haben wir in der Zeit des Lockdowns ein technisches Setting für Online-Führungen entwickelt, das wir auch für die Zielgruppe Menschen mit Demenz nutzen. Wir arbeiten mit dem Konferenzsystem Webex. Da wir große, dreidimensionale Objekte und viele Inszenierungen präsentieren möchten, stehe ich vor Ort in der Inszenierung und werde dabei von einem Kameramann gefilmt. Eine „Moderatorin“ überwacht das Signal und kann bei technischen Problemen unterstützen. Die Führung entspricht einer Videokonferenz: Alle Teilnehmenden sind live verbunden und können Fragen stellen, auf die ich direkt eingehe.

Am Anfang hatten wir technische Schwierigkeiten auf Seiten des Pflegeheims: Es war beim System Webex unklar, wie man die Sprecheransicht groß stellt. Positiv war, dass nach all den Beratungen („Rechts oben sollte eine Kachel sein …“, „Klappt es jetzt?“) allen klar war, dass wir live senden und nicht Fernsehen schauen.

Großstadt-Inszenierung um 1900

Wir standen in unserem „Städtischen Boulevard“, einer Großstadt-Inszenierung um 1900. Themen waren eine Pferde-Straßenbahn, Cigarren-Laden, Spielzeugladen, Frisör, Schuster, eine Postkutsche. Wir konnten in die Straßenbahn einsteigen, den Frisör- und Schusterladen betreten und die Auslagen betrachten.

Ich habe mich vorgestellt und noch einmal versucht, eine Online-Konferenz zu erklären („Das ist wie ein Telefongespräch“). Danach war jede/r Teilnehmende groß im Bild und hat sich vorgestellt und ich habe den Namen wiederholt. Frau Wojnicki meinte später, diesen Teil könne man vielleicht weglassen, weil er doch sehr lang ist und möglicherweise nichts bringt. Wie sind Ihre Erfahrungen? Vielleicht sollte man auch eine gezieltere Einführung wählen, etwa: „Auf der Leinwand sehen Sie die Frau Michailov. Können Sie sich ihr bitte vorstellen? Sie kann Sie hören.“

Die Führung selbst lief sehr gut. Rege Beteiligung von 2 – 3 Personen. Es gab sehr schöne Bemerkungen der Teilnehmenden. Zum Beispiel bei der alten Pferde-Straßenbahn: „In welcher Straßenbahn möchten Sie lieber fahren: in der modernen oder in dieser hier?“ Antwort mit heftiger Überzeugung: „Dieser!“

Technomuseum Online Führung

Was die Führung lebhafter machte, war, dass ich die Teilnehmenden bei der Auswahl der Objekte mit einbeziehen konnte. Ich konnte fragen, ob wir zuerst zum Frisörladen gehen oder zum Schusterladen. Die Antwort kam allerdings von Frau Wojnicki, ich bin nicht sicher, ob den Teilnehmenden die Option ganz bewusst geworden ist. Mein Vorsatz: allen Durchführenden zu ganz viel Gelassenheit raten. Man muss eine Balance finden zwischen der Freude, als ob man das zum ersten Mal erlebt und alles neu ist und der Aufgabe der Vermittlung, z. B. die Teilnehmenden stärker ansprechen: „Was meinen Sie, gehen wir zuerst zum Frisörladen?“

“Hoch auf dem gelben Wagen”

Frau Wojnicki hatte passend zu den Führungsthemen andere Sinneseindrücke vorbereitet. Bei der Postkutsche hatte sie den Liedtext von „Hoch auf dem gelben Wagen“ vorbereitet und die Musik dazu abgespielt. Als ich einen Parfümautomat vorgeführt habe, hat sie Parfüm in die Luft gesprüht und ist mit dem Fläschchen auch zu jeder und jedem einzelnen Teilnehmenden gegangen. Diese Eindrücke, vor allem das Singen, haben die Führung sehr belebt und den Teilnehmenden gut gefallen. Als das Parfüm verteilt wurde (das dauerte ein wenig, weil jede Person einzeln angesprochen wurde) ist unsere Dampflok gerade gefahren. Also konnten wir stumm die Fahrt mitfilmen, während Frau Wojnicki im Heim agierte.

Wir hatten einen schönen Moment im Spielzeugladen: Im Bild: Murmeln. Eine Bewohnerin sagte: „Wir haben Klicker dazu gesagt. Klicker. Das haben wir viel gespielt.“ Ich: „Ja, wir haben auch Klicker gesagt. Haben Sie mit Einsatz gespielt?“ (Ich wollte testen, ob die Bewohnerin folgen kann. Einsatz bedeutet, dass der Gewinner beide Murmeln behält). Antwort: „Ja, klar, immer mit Einsatz.“ Ich: „Uhh, das habe ich mich nicht getraut. Ich hatte Angst um meine Murmeln. Haben Sie oft gewonnen?“ Antwort: „Naja, mal hat man gewonnen und mal hat man verloren.“ Mein Eindruck im Gespräch war, dass die Dame sehr aktiv am Gespräch teilgenommen hat. Rückblickend könnte es allerdings auch sein, dass ich die Antworten impliziert habe und sie (wie auch bei der Straßenbahn) nur die gewünschte Antwort gegeben hat. Ich brauche da noch mehr Erfahrung.

“Klicker. Das haben wir viel gespielt.”

Das Beste war allerdings der Tabakladen: In der Auslage waren Pfeifen zu sehen. Ich hasse den Geruch von Pfeifentabak, aber viele Leute mögen das gerne. Ich fragte also: „Pfeifen haben ja so einen typischen Geruch. Mögen Sie den Geruch von Pfeifentabak?“

Bewohnerin heftig: „Nä! Gar nicht!“ – Ich musste so lachen! Und jetzt konnte ich zugeben, dass ich den Geruch auch nicht mag. Da bin ich sicher, dass ich diese Antwort nicht vorgegeben habe.

Zum Abschluss bemerkte eine Dame, es sei schön gewesen, die alten Sachen wiederzusehen. Diese Lob galt mehr dem TECHNOSEUM, aber es hat mich trotzdem gefreut.

Eine Führung im TECHNOSEUM erreicht die Menschen auf einer anderen emotionalen Ebene als Kunst, aber ich konnte erreichen, dass ein paar Teilnehmende eine Erfahrung gemacht haben, die sich von der Gewohnheit abhebt und sie aus dem Alltag heraushebt. Und eine Erfahrung, die einen den Alltag wieder bewusster und anders wahrnehmen lässt, ist ja auch ein Ziel eines Museumsbesuchs. Natürlich kann ich nicht sagen, ob dieser Effekt wirklich eingetreten ist. Aber die ganze Erfahrung war sehr schön.”
 
Marianne Michailov


HINWEIS  Die Stadt Mannheim veranstaltet die einander.Aktionstage vom 25.9.-24.10.21

Fr., 1.10.21, 16 Uhr  Online-Veranstaltung: „Menschen in Pflegeeinrichtungen im TECHNOSEUM“
Zielgruppe: Pflegekräfte und Leitungen von Pflege-Einrichtungen, Soziale Dienste / Dauer: 45 Min.
Das TECHNOSEUM und das Ida-Scipio-Heim in Mannheim sind vereint in ihrem Anliegen, den Bewohnerinnen und Bewohnern der Einrichtung Online-Besuche in der Kulturinstitution zu ermöglichen. Am konkreten Beispiel der Exponate im städtischen Boulevard werden Informationen und Erfahrungen über diese Zusammenarbeit ausgetauscht, wie etwa Tipps zum technischen Setting u.a.m. / Kosten: kostenfrei / Anmeldung: paedagogik@technoseum.de / https://www.einander-manifest.de/einander-aktionstage.html

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