Sich ein Bild machen – Menschen mit + ohne Demenz im Kölner Museum Wallraf

Im Wallraf-Richartz-Museum fand eine Führung für das Caritas-Seniorenhaus St. Bruno in Köln statt. Teilnehmer*innen waren Menschen mit und ohne kognitive Beeinträchtigungen. Sie wurden von zwei Fachkräften aus dem Bereich Sozial-Kulturelle Betreuung des Seniorenhauses begleitet. Das Haus bemüht sich seit Jahren um vielfältige Teilhabe für seine Bewohner*innen. Dabei wird immer wieder auch auf kulturelle Teilhabe Wert gelegt. Die kleine „Bildergeschichte“ soll einen Eindruck über die Ziele und Besonderheiten einer solchen Führung geben – und auch klären, warum wir am Ende zum „schönsten Bild des Museums“ gehen.

Museumsbegleiter und Text: Jochen Schmauck-Langer von (de)mentia+art.  Fotos: Dina Mroczowski


[Das Eingangsfoto zeigt eine Gruppe aus einer früheren Führung]

Das Museum ist ein moderner, barrierefreier Neubau im alten Zentrum von Köln. Benachbart ist das historische Rathaus, Dom und Rhein sind in Sichtweite. Die Verkehrsverhältnisse sind eng und schwierig, aber es gibt eine U-Bahn-Station und auch ein Kleinbus kann zum Aussteigen direkt am Museum halten.

Obwohl die kleine Gruppe gut im Museum angekommen ist und die Betreuer*innen vertraut sind, scheint am Anfang ein wenig die Ungewissheit zu überwiegen, wie das wohl werden wird… Das Rahmenthema der Führung ist der Impressionismus und das 19. Jahrhundert – zu finden im dritten Stockwerk. Nach der allgemeinen Begrüßung und Orientierung der Gruppe fahren wir alle zusammen in einem geräumigen Aufzug hinauf. Die Gruppe ist durch mich angekündigt, eine Aufsicht hält die Tür zum Sammlungsbereich für die Rollstühle und Rollatoren weit geöffnet.

Der Bereich ist an diesem Nachmittag relativ ruhig. Auswahl und Reihenfolge der Bilder orientieren sich an den Bedarfen der Besuchergruppe sowie an Fragen der äußeren Barrierefreiheit. Kulturelle Teilhabe für Menschen mit Demenz soll zudem nicht versteckt, sondern in aller Öffentlichkeit stattfinden. Umso mehr achten wir auf ungestörte Abläufe und gute visuelle, bzw. akustische Bedingungen. Die Bilder und Objekte sollen teilhabeorientiert sein, d. h. Menschen – gleich ob mit oder ohne körperliche oder geistige Einschränkungen – sollen sich ohne Bildungsvoraussetzungen an einem (von mir so benannten) „Entdecken“ beteiligen können. Jeder und jede wird gehört. Gemeinsam machen wir uns ein Bild.  

[Max Liebermann: Selbstporträt, 1908, 87,5 x 71 cm, Öl auf Leinwand / Wallraf, rba_c00488]

Die Führung beginnt mit einem Selbstbildnis von Max Liebermann, das ihn bei der Arbeit zeigt. Da wir – wie bei der Begrüßung angekündigt – die Bilder gemeinsam entdecken wollen, kreist das Gespräch und meine Fragen und Hinweise darum, was zu sehen ist und sodann, welche Details: Pinsel, Palette und natürlich der Maler selbst.

Sich gemeinsam „ein Bild machen“

Eine Besucherin sieht nicht mehr gut: zu Beginn der jeweiligen Betrachtung gehe ich mit ihr möglichst nah an das jeweilige Objekt, damit sie einen ungefähren Eindruck bekommt. – Wie geht es dem Maler, wie geht es Max Liebermann? Wen schaut er an? Spricht aus dem Blick, mit dem er uns mustert, Selbstbewusstsein? Wirkt er zufrieden mit dem, was er tut? Oder zweifelt er?
Die Fragen und Hinweise lenken immer wieder die Blicke aller auf das Bild und seine Details. Darüber hinaus spreche ich mit der Gruppe bewusst etwas lauter und wiederhole für alle die Wahrnehmungen Einzelner. Bei dem Maler Liebermann sind die Meinungen einhellig: Da weiß einer genau, was er tut!

Bei dem nächsten Bild merkt man eine noch persönlichere Anteilnahme: Eine alte Frau. Die Besucherinnen beschreiben sie als an einem kleinen Beistelltischchen sitzend, mit einer kargen Mahlzeit, vermutlich am Abend. Sie scheint Sorgen zu haben. Ihre Hände, das fällt auf, sind abgehärmte Arbeitshände. In ihnen hält sie auch einen Rosenkranz, lässt ihn offenbar durch die Finger laufen.

[Leibl, Wilhelm, Alte Pariserin, 1870, Öl auf Holz, 81×64 cm, Wallraf / rba_c008640]

Ich verweise möglichst naiv fragend auf das nur schwer erkennbare Detail, das aber bald durch das Zusammenwirken der Gruppe identifiziert wird. Die Teilnehmerinnen haben ein Durchschnittsalter von gewiss über achtzig Jahren. Ein Rosenkranz ist in dieser Altersgruppe ikonisch noch gut verankert.

Altersarmut. Einsamkeit. Vielleicht beengte, bedrückende Wohnverhältnisse. Dass der Maler Wilhelm Leibl ein gebürtiger Kölner war, führt die Betrachtung auf die Stadt zurück… Als Historiker habe ich eine ungefähre Vorstellung von Lebensverhältnissen und Alltagskultur um 1900. Auch dies geht in eine Vorauswahl der möglichen Bilder mit ein.

Die Besucherinnen wirken keineswegs ablehnend, traurig oder verstört über Themen wie Altersarmut oder Vereinsamung. Sie bringen vielmehr ihre reiche Lebenserfahrung ein – jede so gut sie kann. Die Konzentration ist hoch, die Stimmung angeregt. Eine solche Ressourcenaktivierung ist im Idealfall die Aufgabe einer derartigen Führung – die freilich auch so oder ähnlich für Menschen mit oder ohne psychische Beeinträchtigungen stattfinden könnte und kann. 

Die Konzentration ist hoch, die Stimmung angeregt.


Auch für die Begleiter*innen (Fachkräfte, ehrenamtlich Engagierte oder auch Angehörige) ist der Museumsbesuch nicht nur eine manchmal ungewohnte und neue Begegnung mit Kunst sondern auch ein Einblick in die Lebenswelt ihrer Bewohner*innen, abseits der Pflege- und Betreuungsroutine.

 

Es gibt viele Bilder und Objekte im Wallraf-Richartz-Museum. Nur wenige eignen sich für die teilhabeorientierte Vermittlung. Dabei hat eine strenge Auswahl nichts mit künstlerischer Qualität zu tun. Vielmehr damit, ob ein Gemälde oder ein Objekt gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Menschen mit oder ohne Demenz „entdeckt“ werden kann. Denn Vorrang hat nicht ein Bildungsinput, sondern die Ressourcenaktivierung. Dies gilt auch für das „Wäschebild“ von Gustave Caillebotte.


[Caillebotte, Gustave, Trocknende Wäsche am Ufer der Seine, Wallraf, 1892, 105×150 cm, Öl auf Leinwand, rba_c004549]

Wir sehen den Fluss, die Schiffe und Aufbauten und kommen natürlich nicht an der Wäsche vorbei, die quer über das großformatige Bild flattert. Wir sprechen – auch unter Einsatz von Körpersprache – über die alte Haushaltstechnik der Wäschebleiche: zwei der betagten Besucherinnen haben sie selbst noch erlebt und praktiziert.

Ressourcenaktivierung

Ich erzähle eher beiläufig, dass die Erfindung von wiederverschließbaren Farbtuben („Mayonnaisetuben“) es möglich machte, relativ unkompliziert im Freien zu malen. Denn die Maler wollten möglichst authentisch einen Moment, eine Stimmung, einen Lichteinfall oder wie bei diesem Bild den stürmischen Wind am Ufer der Seine wiedergeben.
Ob ein so großes Bild tatsächlich auch im Freien, am windigen Flußufer der Seine, gemalt worden ist…? Man schaut etwas skeptisch in der Gruppe. Ich kann jedoch berichten, dass man bei Untersuchungen Spuren von Grassamen auf dem Bild gefunden hat, die offenbar an der frisch aufgetragenen Farbe haften geblieben sind.

Die beiden Kulturbegleiter*innen aus dem Seniorenhaus sind über die etwa 90 Minuten dauernde Führung präsent: sorgen für die „Logistik“ zwischen den Bildern und helfen bei dem, was ich das „Setting“ nenne, also die Gruppe nach meinen Angaben (Lichtverhältnisse, Spiegelungen, Abstand zu den Museumsbildern etc.) optimal vor einem Bild zu platzieren. Ansonsten bleiben sie angenehm im Hintergrund: geben aber ggfs. einzelnen Bewohnerinnen eine Hilfestellung, wie etwas gemeint ist (oder an mich: wie eine individuelle Wahrnehmung verstanden werden kann). Sie erleben vielfach Bewohnerinnen in einer „Expertinnen“-Rolle und werden manchmal mit überraschenden „Lichtungen“ in der Blackbox eines Gedächtnisses konfrontiert.

[Der reiche Erbe, Großbürger und Künstler Gustave Caillebotte (1848 – 94) mit seinem Hund und zwei bürgerlichen Bewunderern, Museum Wallraf]

Mit der Besucherin, die nicht mehr gut sieht, gehe ich zu Beginn der Betrachtung auch zu Paul Signacs Bild „Capo di Noli“. Signac ist ein Vertreter des sogenannten Pointilismus, einer Spätform des Impressionismus. Bei diesem Malstil werden die Farbpartikel nicht vermischt, sondern als kleine, leuchtstarke Punkte auf die Leinwand gesetzt.

[Paul Signac, Capo di Noli, 1898, Öl, Leinwand, 91×73, rba_d000220]

[Detail] Dies ist in der Nähe leicht erkennbar. Erst im Abstand von zwei oder drei Metern findet auf der Netzhaut eine Verbindung der verschiedenen Farbpartikel zu einem Gesamteindruck statt.



Als Museumsguide versuche ich zu moderieren und die Wahrnehmungen der Einzelnen für die ganze Gruppe auf das jeweilige Objekt zu beziehen. Dieser Vorgang des Entdeckens nimmt je Bild im Durchschnitt zwischen 15 und 20 Minuten in Anspruch. In diesem langsamen Prozess des Beschreibens entsteht für die visuell-kognitive Wahrnehmung der Beteiligten das Bild vielfach „neu“ – eine soziale Erfahrung im ästhetischen Raum.
Dass Bilder in zweiter oder dritter Reihe („Petersburger Hängung“ – also dicht übereinander) nicht in Frage kommen, versteht sich angesichts der oftmals schon in der frühen Phase einer Demenz auftretenden Orientierungsprobleme vieler Menschen wohl von selbst…

Am Ende der Führung gehen wir – wie versprochen – zum „schönsten“ Bild im Museum: im dritten Stockwerk des Museums hat man einen guten Blick auf die Südseite des Kölner Doms. Das große bodentiefe Fenster akzentuiert den Blick – vorbei am aktuellen Bauplatz des jüdischen Museums – auf das ikonisch gut verankerte Welterbe.

Eine schöne Zeit erleben

Dazu gehört dann natürlich auch ein musikalischer Akzent: „Heimweh“ von Willi Ostermann. Das Lied, das nach dem Krieg für viele Heimkehrer*innen beim Anblick des weitgehend erhaltenen Doms inmitten der Trümmerwüste Köln so etwas wie ein Hoffnungsanker auf eine bessere Zukunft war. Für die meisten in der kleinen Gruppe ein emotionaler Höhepunkt der Führung. Denn letztlich ist es das, was (de)mentia+art mit den Kooperationspartnern in den Museen Wallraf, Ludwig, Schnütgen, Stadtmuseum und Kolumba sowie dem Museumsdienst Köln vor allem anbieten möchten: Eine schöne Zeit.

Wenn Sie eine solche Führung für Menschen mit und ohne kognitive (Demenz) Beeinträchtigungen möchten, nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf:  0157 88345881 / schmauck.langer(at)live.de
Die Führungen von (de)mentia+art sind im deutschsprachigen Bereich auch als interaktives digitales Format für Gruppen in Seniorenhäusern buchbar. Probieren Sie es aus!



https://www.dementia-und-art.de   https://www.wallraf.museum/

© Text Jochen Schmauck-Langer  //  Fotos: Dina Mroczowski  // Bildrechte Museumsbilder: Wallraf und Rheinisches Bildarchiv.
Besonderer Dank an die Teilnehmerinnen und die Begleiter*in Julia Dix und Dirk Lotharius

                     Seniorenhaus St. Bruno

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