dementia+art im ProAlter-Interview

Die ProAlter-Redakteurin Dagmar Paffenholz befragte Jochen Schmauck-Langer zu den Erfahrungen, die dementia+art mit Kultureller Teilhabe für Menschen mit Demenz gewonnen hat:


Kultur inklusive

Immer mehr Museen, Theater und Konzerthäuser stellen sich mit ihren Angeboten auf Menschen mit Demenz ein. Aber auch Senioreneinrichtungen entdecken die kulturelle Teilhabe als einen neuen Schwerpunkt und integrieren ihn in ihr Pflege- und Betreuungskonzept. Dabei geht es nicht zunächst um kulturelle Bildung, sondern um eine schöne Zeit für die Menschen mit Demenz, betont der Kulturgeragoge Jochen Schmauck-Langer.
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Kann man mit Menschen mit Demenz überhaupt noch eine Ausstellung oder ein Konzert besuchen?

Ja - wenn es gut vorbereitet und richtig vermittelt wird! Richtig heißt: Jenseits unserer Verstandeskultur, damit Menschen mit Demenz daran tatsächlich teilhaben können. Kulturelle Angebote eignen sich mit ihren emotionsnahen Inhalten sehr gut, um bei Menschen mit Demenz „Inseln des Selbst“ anzusteuern, wie es der Heidelberger Gerontologe Andreas Kruse einmal formuliert hat. Ausstellungs- oder Konzertbesuche ermöglichen Menschen mit Demenz kleine ‚Lichtblicke‘ in ihren Erinnerungen und können so ihre Ressourcen stärken.

Geht denn mit der Diagnose Demenz nicht auch langsam aber sicher das Interesse an Kunst und Kultur verloren?

Nein, das Bedürfnis nach Kultur und gesellschaftlicher Teilhabe geht mit einer Demenzerkrankung nicht automatisch verloren. Im Gegenteil: ein von Kunst und Kultur geprägtes Umfeld kann Schlüssel zur emotionalen Welt von Menschen mit Demenz sein. Dabei orientieren wir uns an der neurologisch abgesicherten Erfahrung, dass die emotionsnahen Angebote im Bereich der Kultur besonders geeignet sind, um auf eben diese verbliebenen „Inseln des Selbst“ zu stoßen und - jenseits unserer kognitiv-geprägten Welt - Kontakt aufzunehmen, verschollene Ressourcen zu entdecken und damit ein Stück weit Identität zu stabilisieren.

Wie unterscheiden sich ihre Führungen durch Ausstellungen von anderen Angeboten?

Wir bieten keine abgespeckten Varianten der regulären Führungen an. Zusammen mit unseren Kulturpartnern entwickeln wir passgenaue Angebote für Menschen mit Demenz. Die meisten unserer Besucher befinden sich in einer mittleren Phase ihrer Demenz. Sie haben deutliche Einschränkungen und werden in stationären oder ambulanten Einrichtungen betreut. Bei der Führung orientieren wir uns an den situativ vorhandenen Ressourcen der Teilnehmenden. Der Museumsbegleiter nimmt in der kleinen Gruppe stets den Einzelnen in den Blick, um ihm gerecht zu werden. Grundsätzlich sind alle Angebote nach kulturgeragogischen Prinzipien gestaltet. Innere und äußere Barrierefreiheit müssen gewährleistet sein. Dabei geht es nicht nur um Treppenstufen, sondern vor allem um die Auswahl der Inhalte und die Art der Kommunikation. Gerne arbeiten wir auch mit musikalischen Akzenten und machen ein kreatives Angebot im Atelier des Museums als Erinnerung im Anschluss an die Führung. Im Kölnischen Stadtmuseum begleitet uns sogar ein Akkordeonspieler live.

Bereits seit 2011 führen Sie Menschen mit Demenz unter anderem durch Kölner Museen.

Ja, wir sehen uns bei dementia+art als Vermittler zwischen Kultur und Demenz. Unser Ziel ist Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen eine kulturelle Teilhabe zu ermöglichen. Wir wollen damit die Integration in die Gesellschaft fördern und zugleich die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren. Unser Anspruch ist: Die Teilnehmenden sollen eine schöne Zeit erleben. Es geht uns nicht zunächst um einen Bildungsauftrag, sondern um Ressourcenstärkung mittels sinnlicher Erfahrungen, Emotionen, Erinnerungen. Das heißt, gerade die Kultur kann mit ihren Mitteln dazu beitragen, ein Stück Identität wieder (oder ganz neu!) zu entdecken.

Worum geht es bei kultureller Teilhabe?

Bei den Kulturangeboten für Menschen mit Demenz geht es uns nicht um Therapie, sondern schlicht um Gerechtigkeit: Menschen mit Demenz sollen Kunst und Kultur genießen dürfen, so, wie sie es wollen und können, wie jeder andere Bürger auch. Damit wird ein wichtiger Beitrag zur Inklusion für den schnell anwachsenden Anteil von Menschen mit Demenz in unserer Gesellschaft geleistet. dementia+art setzt dem von Katastrophenmeldungen und Horrorszenarien geprägten Bild von Demenz und Krankheit konkrete Beispiele entgegen, was ungeachtet einer Demenz an gesellschaftlicher Teilhabe möglich ist. Dabei spielt im Übrigen das große Engagement vieler Kulturpartner eine Rolle, die ihren gesellschaftlichen Auftrag ernst nehmen: nämlich Kultur für ALLE anzubieten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Kulturelle Teilhabe für Menschen mit Demenz ist noch ein sehr neuer Bereich. dementia+art hat in den letzten beiden Jahren auf der Basis eines Pilotprojekts für die Robert Bosch Stiftung mit dem ‚Kölner Modell‘ erstmals Strukturen geschaffen, die Angebote und Nachfragen auf der Basis von verlässlichen Netzwerken zusammenführen. Unsere bundesweiten Fortbildungen schaffen die Grundlage für eine qualifizierte Begleitung kultureller Teilhabe in den beiden Bereichen. Dass diese Strukturen – und nicht nur persönliches Engagement – als unabdingbar angesehen werden für ein Gelingen des demografischen Wandels im Bereich Demenz und Hochaltrigkeit: das wünsche ich mir!

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Dagmar Paffenholz

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