10.04.2018 Museum & Mensch - Kamingespräch zu Kultureller Teilhabe in Grazer Museen

Am 10. April, dem Vorabend einer 3-tägigen Fortbildung von Pro Senectute und dementia+art zu kultureller Teilhabe für Menschen mit Demenz im Kunsthaus Graz (H i e r) starten die Grazer Museen mit einer neuen Gesprächsreihe zu Inklusion und Partizipation im Museum.


© Universalmuseum Joanneum Graz

Thema: Museum & Mensch - Kulturelle Teilhabe für Menschen mit Demenz
Ort: Volkskundemuseum, Paulustorgasse 11 - 13, 8010 Graz   
Termin: 10.04.2018 / 19.00 Uhr
Impulse von: Isabella Kernbichler (Pro Senectute), Claudia Knopper (SALZ Steirische Alzheimerhilfe), Claudia Paulus (Diakoniewerk Steiermark) und Jochen Schmauck-Langer (dementia+art)
Moderation: Angelika Vauti-Scheucher, Universalmuseum Joanneum

Pretty Woman und ich

Zu den berühmtesten Werken der Weltliteratur zählt die tragische Liebesgeschichte von Romeo und Julia, wie Shakespeare sie in seinem Drama erzählt. Zu allen Zeiten wurde danach wieder auf den Stoff zugegriffen, in Drama und Erzählung, in Film, Musik und nicht zuletzt im Tanz.

Ich war kaum Zwanzig, als ich damit in Berührung kam. Der Anlass war ein Aufenthalt in Paris, für einige Wochen in den Semesterferien. Durch Zufall ergatterte ich eine Stehkarte für die Pariser Oper, noch dazu für die Aufführung eines abendfüllenden klassischen Balletts. Warum ich hinging? Ich weiß es nicht mehr. Aus dem Kleinbürgertum stammend, mit einer verschachtelten Bildungsbiografie war ich nie in der Oper gewesen, nie im klassischen Ballett...

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Meine erste Führung für Museumsbesucher mit Demenz. Ein Erfahrungsbericht

[Abbildung: Museum Lothar Fischer]
Anja Schmickal ist freiberufliche Kunstvermittlerin im Museum Lothar Fischer. Das Museum ist in Neumarkt (Oberpfalz) und hat den Schwerpunkt 'Moderne Kunst'. Ihr Bericht schildert - nach einer ersten Annäherung an das Thema Demenz - den Versuch mit einer Führung in der Sammlung des Museums. Frau Schmickal spricht offen die Schwierigkeiten an, die das ungewohnte Format und die 'unbekannte' Zielgruppe in einem Haus mit dem Schwerpunkt Moderne Kunst mit sich bringen können.


Als freiberufliche Kunstvermittlerin führe ich Besucher jeden Alters, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, jüngere Senioren und Interessierte aus unterschiedlichen Kulturkreisen durch die Ausstellungen im Museum Lothar Fischer in Neumarkt i.d.Oberpfalz. Wir sind ein monographisches Haus mit 550 m² Ausstellungsfläche und dreimal im Jahr wechselnden Sonderausstellungen, die mit dem bildnerischen Denken des erklärten Tonbildhauers Lothar Fischers (1933-2004) in Dialog treten.
Meine erste Führung für Besucher mit dementiellem Hintergrund (Kunst & Kaffee plus) fand Ende 2017 während der Sonderausstellung „Max Beckmann auf der SPUR“ statt. Die Anzahl der Teilnehmer wurde auf vier RollstuhlfahrerInnen (Frontreihe) und vier FußgängerInnen (zweite Reihe versetzt) mit Begleitpersonen begrenzt.

Bei der Auswahl der vorzustellenden Objekte, die eine Teilhabe-orientierte Kunsterfahrung zulassen, hatte ich die Auswahl zwischen Lothar Fischers abstrakt-figürlichen Exponaten, großformatigen Lithografien oder kleineren Zeichnungen von Beckmann sowie Gemälden der Künstlergruppe SPUR (1957-1965).

Pros & Kontras der auszusuchenden Objekte

Die Lithografien der Beckmann-Mappe „Die Hölle“ von 1918/19 und die Gemeinschaftsarbeiten der Künstlergruppe SPUR, die Beckmanns Facettenstil rezipierten, ließen mich anhand ihres eher düsteren Sujets Abstand nehmen (Tod, Elend, Krieg, Martyrium, Enge etc.). Ihre Größe war ihr Vorteil.

Die Arbeiten Fischers befinden sich im Obergeschoss des Museums. Von Vorteil ist das Tageslicht, nachteilig ist der begrenzte Raum, seine Arbeiten in ihrer Abstraktion und in ihrem fehlenden narrativen Potential.

Für mich boten sich deshalb die Zeichnungen Beckmanns und eines seiner Aquarelle (Wohnzimmer des Künstlers, Frankfurt, um 1930) zur Teilhabe-orientierten Kunstvermittlung an, da von diesen aus an die Biografien der Besucher angeknüpft werden kann. Vorbereitet wurden: „Schlafende am Strand“ (Bleistift), Sujet einer Hochzeit „Hochzeit bei Kaulbachs“ (Bleistift), „Selbstbildnis als Rückenakt am Strand“ (Bleistift), Portrait „Naila“ (Pastellkreide), „Wohnzimmer des Künstlers, Frankfurt“.
Mir war durchaus bewusst, dass die Zeichnungen kleine Formate aufweisen und zur Entdeckung durch ältere Besucher schlechter zu erkennen sind. Daher bereitete ich große Kopien der Zeichnungen vor.

Unerwartete Schwierigkeiten

1.    Sitzpositionen:
Nicht nur erhöhte sich Anzahl der TeilnehmerInnen, sondern es ergab sich die Schwierigkeit, dass die Betreuer hinter ihren Schützlingen sitzen mussten, weil unsere Klappstühle für Museumrundgänge keine Rückenlehne haben. Dadurch wurden meine Sitzplatzpositionen für die Besucher konterkariert und die Sichtverhältnisse verschlechterten sich. Desweiteren ergab meine direkte Ansprache eines besseren Sitzplatzes Abwehrreaktion.

2.    Wechsel der Exponate:
Der häufige Platzwechsel (4 Exponate) erwies sich als belastend für die Teilnehmer wie mir die Betreuer mitteilten.

3.    Zu wenig Bildung (?)
Die Besucher gaben an den ersten zwei Bleistiftzeichnungen („Schlafende am Strand“ und „Hochzeit bei Kaulbachs“) meiner Empfindung nach nicht nur viele zu kurze Antworten, die sich zum Teil nur wiederholten, sondern konnten auch, wie befürchtet, in den Zeichnungen Details nicht erkennen. Dadurch erschien mir die Entdeckung an den Objekten zeitlich zu kurz und ästhetisch wenig intensiv. Es fand kaum ein Austausch statt.

Da das Aquarell „Wohnzimmer des Künstlers, Frankfurt“ – nach diesen kurzen ersten Einblicken – eine höhere Teilhabe ermöglicht, entschloss ich mich, meinen ursprünglichen Plan zu verändern und dieses, wie auch ein größeres Gemälde von der Gruppe SPUR, zu erkunden. Während die Besucher „positive Assoziationen“ zu dem Aquarell „Wohnzimmer“ von Beckmann äußerten, hatten sie am Gemälde des SPURisten Heimrad Prem „Geiseldrama“ Assoziationen an Tod und Sterben. Da die Gefühlsäußerung einer Besucherin von ihrer Betreuerin sofort 'abgeschmettert' wurde, war es mir nicht möglich, auf die Besucherin einzugehen. Aus einer bildungsorientierten Kunstvermittlung stammend hinderten mich auch die Blicke anderer Besucher, das Gemälde auf ästhetischer Ebene intensiver zu besprechen.

Resümee

Die „Kunst & Kaffee plus“-Veranstaltung beinhaltet neben der zielgruppenorientierten Führung auch im Anschluss im museumspädagogischen Raum des Museums ein gemeinsames Kaffeetrinken. Währenddessen kann ein weiterer Austausch stattfinden. Die Rückkopplung der Betreuer zu diesem neuen Kunstvermittlungs-format war insgesamt positiv, wenngleich die kleinen Formate der Exponate, die zudem noch museal bei reduzierten Lichtverhältnissen gezeigt werden mussten, sich aus meiner Sicht wie auch die ungünstige Klappstuhlbenutzung als problematisch erwiesen. Zur nächsten Führung werden Stühle mit Lehnen zur Verfügung gestellt, so dass keine direkte Ansprache zur Platzwahl und die damit einhergehende Lenkung nötig sind.

Zu allgemeine und „Warum-Fragen“ durch mich überforderten die Teilnehmer. Fragen wie: Was ist hier zu erkennen? Oder: Warum sehen sie das so oder so? konnten nicht beantwortet werden.

Welche Fragen dürfen in einer Teilhabe-orientierten Kunstvermittlung gestellt werden und welche Fragen sind Bestandteil einer bildungsorientierten Kunstvermittlung? Durch eine Teilhabe-orientierte Kunstvermittlung sollen die zu besprechenden Werke in ästhetischer Hinsicht eine größere soziale Tiefe bekommen (Schmauck-Langer). Aber wenngleich die Teilnehmer das Objekt nicht „so“ intensiv erarbeiten, wie die Kunstvermittler dies aus Erfahrung mit anderen Gruppenführungen gewohnt sind, liegt darin eine Schwierigkeit: im Aushalten mit der Gruppe zusammen, ihre Zeit und Erfahrungswelt zu Wort kommen zu lassen, auch wenn dieses nur in kurzen, knappen, sich wiederholenden Worten und Sätzen erfolgte.

Fachverband Kunst- und Kulturgeragogik ist Mitglied im Deutschen Kulturrat

Kunst- und Kulturgeragogik nun Thema der Kulturpolitik

Der Fachverband Kunst- und Kulturgeragogik e.V. wurde im November 2017 als Mitglied in die Sektion Soziokultur und Kulturelle Bildung des Deutschen Kulturrats aufgenommen.

dementia+art engagiert sich seit Jahren in diesem Arbeitsfeld. Wir organisieren für Menschen mit und ohne Demenz Veranstaltungen im Musik- und Museumsbereich, schaffen regionale und überregionale Netzwerke und sind im ganzen deutschsprachigen Bereich zu einem wichtigen Anbieter von Fortbildungen geworden, in denen wir für Kulturinstitutionen und für Pflegeeinrichtungen unsere Erfahrungen weitergeben.

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Kultur als ästhische und soziale Teilhabe

dementia+art versteht sich als Vermittler zwischen Kultur und verschiedenen Bereichen von Pflege und Betreuung, Schule und Soziokultur. Inhaltliche Schwerpunkte sind Musik und Kunst, Konzerthäuser (seit Jahren arbeiten wir mit dem WDR Sinfonieorchester zusammen) und der Museumsbereich.

In den letzten Jahren durften wir Erfahrungen in vielen unterschiedlichen Museumsräumen sammeln: in Berlin, Hamburg, München und Köln ebenso wie in nahezu allen deutschen und österreichischen Bundesländern, in Kleinstädten wie auch in ländlichen Räumen. Dabei wurden die räumlichen Bezüge, die Museumssparten und Art der Sammlungen immer vielfältiger.

Nahezu 200 Führungen in unterschiedlichen Museen, 20 Kammerkonzerte und ebenso viele Konzerte in anderen Musikformaten ermöglichten uns einen großen Erfahrungsschatz. Dieser bezieht sich vor allem auf:

  • Besucher, die noch nie oder nur selten an solchen Orten der 'Hochkultur' waren (Hochaltrige Menschen mit und ohne Demenz, aber auch oftmals deren pflegende und betreuende Begleiter)
  • Menschen mit psychischen Erkrankungen, bei denen nicht ein reiner Bildungsinput im Vordergrund steht
  • Schüler mit psychischen Erkrankungen und oftmals mit Distanz zu Museen als 'außerschulischem Lernort'
  • und allgemein Menschen mit wenig Kulturerfahrung, die mit herkömmlicher Kulturvermittlung nicht erreicht werden

EINFACH  SCHAUEN

Stets versuchen wir, die Objekte genau auf die Zielgruppen zu beziehen. Unsere Teilhabe-orientierte Vermittlung erweist sich dafür in besonderem Maße als geeignet, weil sie ohne Bildungsvoraussetzungen agiert. Ihr Ziel ist es, Menschen im Museum im gemeinsamen Entdecken ästhetischer Objekte auch intensive soziale Erfahrungen zu ermöglichen und sie dadurch 'ankommen' zu lassen - und zwar mit ihren eigenen Ressourcen, ihren Meinungen, ihren Erfahrungen. Resilienz und Empowerment sind hier wichtige Stichworte.

'Einfach schauen - Teilhabe-orientierte Vermittlung'  will die hochspezialisierten Bildungsprogramme nicht ersetzen. Aber sie ist ein Angebot, diese für bestimmte Zielgruppen zu ergänzen - letztlich als eine Voraussetzung, auf die 'herkömmliche' Bildungsangebote im Museum aufbauen können. Auf diese Weise wollen wir kulturelle Teilhabe für Menschen ermöglichen, für die das bisher nicht oder nicht ohne weiteres möglich ist.



  • Viele Erfahrungs- und Medienberichte dazu finden Sie in den entsprechenden Blogkategorien.
  • Unsere Fortbildungen für die unterschiedlichen Bereiche finden Sie unter BILDUNG.
  • REGIONALE  KULTURTERMINE unter der gleichnamigen Rubrik, aufgelistet nach Kulturbereichen und Stadt/Region

 

Die Liebe am Nachmittag

dementia+art beschäftigt sich mt Kultur und Demenz. Beide Bereiche sind eng mit eigenen Erfahrungen und Ressourcen verbunden. Im Bereich Kultur war dies unter anderem auch meine jahrelange Tätigkeit als literarischer Autor, die nun durch die Wiederaufnahme eines Titels bei Kiepenheuer&Witsch als eBook und als Taschenbuch aktualisiert wurde.
Eine der 25 Liebesgeschichten trägt den Titel 'Großmutter'. Ich habe sie vor etlichen Jahren geschrieben, als das Wort Demenz und seine Bedeutung in der breiteren Öffentlichkeit noch kaum bekannt waren. Es ist eine Geschichte über das Erinnern und Vergessen und wirft einen ganz eigenen - literarischen - Blick auf die Krankheit. (J.Schmauck-Langer)


 

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Bericht: Bedürfnis nach Liebe - und nach Kultur

In der Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln vom 26.05.2017 ist ein Bericht über Gabriele Sauer erschienen. Sie ist Kulturbegleiterin für Menschen mit Demenz in einem Kölner Seniorenheim. In dem Artikel beschreibt die Autorin Almud Schricke sehr anschaulich verschiedene Museums- und Konzertbesuche im Kölner Raum, verschweigt dabei nicht die logistischen Schwierigkeiten, macht aber auch deutlich, dass diese 'KulTöurchen' eine Bereicherung für alle Beteiligten ist.


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Was wir machen: Kurz + Knapp

 

dementia+art hat ein Modell kultureller Teilhabe für Menschen mit und ohne Demenz entwickelt. Es stellt sich der demografischen Entwicklung und will den damit verbundenen gesellschaftlichen Wandel aktiv im Sinne von Inklusion mitgestalten.


  • >>> Unser Infoblatt Kurz + Knapp können Sie unten
    bequem herunterladen bzw. als Link weiterreichen

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'Der andere Blick' - Schweiz wagt Kultur und Demenz


C Museum Wallraf-Richartz

In Aarau, der Schweizer Kantonshauptstadt etwa 30 km südwestlich von Zürich, fand - organisiert von Careum - eine gutbesuchte Tagung zu Kultureller Teilhabe für Menschen mit Demenz statt. Sie verstand sich als Initialzündung, um das für die Schweiz noch recht neue Thema bekannter zu machen und um für Betroffene weiträumig Angebote in Museen, Konzerthäusern und anderen Kulturorten zu ermöglichen. 

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