Chancen und Voraussetzungen: Das BMFSFJ-Projekt „Digitale Museumsführungen für Menschen mit Demenz“

Der Erfahrungsbericht beschreibt die wichtigsten Abläufe und Erfahrungen dieses gewiss ungewöhnlichen Projekts mitten in der Hoch-Zeit der Pandemie. Er verweist auf Gelingensbedingungen und sieht am Ende die Chancen des digitalen Formats für den Inklusionsbereich als gegeben an - nicht zuletzt als Erweiterung von sozialen und kulturellen Teilhabemöglichkeiten (siehe ländliche Räume, Witterungsbedingungen u.a.).     [Jochen Schmauck-Langer, Geschäftsführer (de)mentia+art]



BASICS

(de)mentia+art hat bisher für Menschen mit demenziellen Veränderungen in verschiedenen Kölner Museen sowie als Outreach-Angebot mehr als 250 Führungen gestaltet. Partner war dabei der Museumsdienst Köln. Basierend auf diesen Erfahrungen wurden wir Mitte 2020 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) mit der Entwicklung eines digitalen Formats für den Inklusionsbereich betraut.
Entwickelt in Reaktion auf die damals unmittelbar bedrängenden Erfahrungen mit Pandemie, Isolation und Vereinsamung war die Prämisse, ein ortsunabhängiges digitales Vermittlungsformat zu schaffen. Wie bei unseren analogen Führungen sollte es eine wertschätzende und interaktive Teilhabe und Kommunikation für Menschen mit Demenz ermöglichen und ihre Ressourcen ansprechen. Das Projekt lief von Nov. 2020 bis August 2021. Etwa 140 Personen aus ganz Deutschland nahmen an den Schulungen teil. Viele arbeiteten dabei (wie gewünscht) als „Tandems“ zusammen, die sich aus Museumsmitarbeiter*innen zusammensetzten und aus professionell oder ehrenamtlich Engagierten in stationären oder ambulanten Pflegebereichen.

Für das Projekt brachte (de)mentia+art methodisch die in fünf Kölner Museen seit Jahren erprobte teilhabeorientierte Vermittlung ein und gestaltete schließlich das neue digitale Fo

rmat danach. ‚Interaktiv‘ bedeutete in diesem Fall, dass es ein Angebot für Kleingruppen (bis zu 8 - 10 Betroffene) sein sollte, z.B. Menschen mit Demenz in Wohnbereichen (also kein typisches „Konferenzformat mit jeweils einzelnen Teilnehmenden).
Das Format sollte sodann nach einer Pilotphase in Köln bzw. im Rheinland (bis März 2021) durch zahlreiche Schulungen möglichst in der bundesrepublikanischen Fläche bekannt gemacht werden. Dies gelang durch die Kooperation mit dem Bundesverband Museumspädagogik und die angeschlossenen Landes- bzw. Regionalverbände sowie durch die Zusammenarbeit mit einzelnen Pflegeeinrichtungen, Bildungsinstitutionen und weiteren Multiplikatoren, etwa im kommunalen Bereich. In die Pilotphase konnten wir die (teilweise geschlossenen) Kölner Museen mit bereits vorhandenen Digitalisaten einbringen, sodass es möglich war, mit neu erarbeiteten digitalen Versionen der wichtigsten analogen Führungslinien aus dem Inklusionsbereichen (Klassische Moderne, Impressionismus, Goldenes Zeitalter, Das Alte Köln etc.) die Bildgrundlagen für die bundesweiten Schulungen bereitzustellen.

 

Technische Voraussetzungen für die Teilnahme auf Seiten der Pflegeeinrichtungen waren eine gute Internetverbindung, ein Großbildschirm bzw. Beamer mit Leinwand und ein Notebook, über das der Zugangslink übertragen werden kann (der digital etwa mit dem Home-/Office eines/r Museumsmitarbeiter*in „verbunden“ wird. Ferner waren einige Kleinteile wichtig wie eine zweite, mobil eingesetzte Webcam mit Mikrofon.
Die Zusammenarbeit in Tandems war elementar für das neue digitale Format, bei dem inhaltliche und technische Bereiche zusammenkamen. Zu erwähnen ist hier das überaus große Engagement für dieses neue Format – gerade auch auf Seiten der Pflege, die inmitten der bedrängenden Isolation in der Pandemie für ihre Menschen mit und ohne kognitive Einschränkungen ein schönes und sinnvolles Angebot bekamen. Diese konnten nicht nur passiv teilhaben, sondern sie gestalteten mit ihren Wahrnehmungen das gemeinsame Entdecken von Kunstwerken auch mit…: „Menschen mit Demenz chatten im Videotalk über Kunst“…

Die Schulungen bestanden nun aus 3 Modulen. Modul 1 beinhaltete die technischen Voraussetzungen und Möglichkeiten. In Modul 2 wurden individuelle Termine mit den Pflegeeinrichtungen/Tandems zu den technischen Settings vereinbart. Das bedeutete, dass die teilnehmenden Pflegeeinrichtungen einen Link für einen bestimmten Termin bekamen. Ich betrat dann digital den Raum, wo das Angebot stattfinden sollte. Ebenso der konkrete Tandempartner aus dem Kulturbereich; manchmal auch mehrere. Wir schauten dann, wie sich die visuellen und akustischen Bedingungen optimieren ließen. Wo sitzen die Bewohner*innen und wie handhaben die Betreuer*innen in dem gegebenen Setting die mobile Webcam am besten, um die einzelnen Wahrnehmungen „einzufangen“? …

Dieses Modul hat sich als außerordentlich wichtig erwiesen für das Verständnis des ganzen Projektes. Auf dieser Erfahrung baut dann das Modul 3 auf, wo wir zuerst über diese verschiedenen Settingerfahrungen der Tandems sprachen. Danach ging es im Wesentlichen um den inhaltlichen Ablauf einer solchen Museumsführung – wobei eine auf das digitale Erleben angepasste Kommunikation gegenüber Menschen mit Demenz im Vordergrund stand. Zur besseren Anschauung präsentierte ich an dieser Stelle stets zwei unterschiedliche Bilder: ein Porträt eines jungen Mädchens (um die emotionale Erlebnisdichte zu zeigen) und ein Stillleben (um die handwerkliche, nahezu stoffliche Beschaffenheit durch die Möglichkeit von digitalen Details und -Zooms deutlich und damit besser wahrnehmbar zu machen. Im Kontext der Entwicklung der Schulungen und des ganzen Formats haben wir sodann gut 30 Führungen mit Bewohner*innen durchgeführt, begleitet von vorbereitenden Settings und evaluierenden Nachgesprächen.

Aufgabe der Sozial-kulturellen Betreuung während einer Führung
Das digitale Projekt und das Format ist nicht nur komplex, weil dabei technische Anforderungen und inhaltliche Aspekte zusammen spielen, sondern auch weil zwei Bereiche (Pflege/Kultur) beteiligt sind. Die Praxiserfahrung (s. technische Settings) hat gezeigt, dass die mobile Handhabung der zusätzlichen mobilen Webcam entscheidend ist für die Qualität der visuellen und akustischen Verhältnisse in der Kommunikation mit dem/der Kunstbegleiter/in bzw. mit den Bewohnern. Daraus ergab sich die notwendige Erkenntnis, dass die Betreuer*innen vor Ort eine weitaus aktivere und größere Rolle in der Kommunikation mit ihren Bewohner*innen einnehmen und mitgestalten konnten. Diese aktive Rolle wurde allenthalben als etwas Wertschätzendes wahrgenommen.

Evaluation und Akzeptanz

Die Akzeptanz dieser Art von interaktiver Kommunikation „mit dem Fernseher“, auch die aktive Teilnahme an einer digitalen Museumsführung für Menschen mit Demenz in einer Pflegeeinrichtung war außerordentlich groß. Es kam – anders als von mehreren Seiten befürchtet - nur in geringem Maße zu Irritationen. Die durchschnittliche Dauer wurde von uns auf 60 Minuten (statt 45) angehoben. Auch die Befragungen der Betreuer*innen, die aufgrund ihrer Erfahrung mit den beteiligten Bewohner*innen ihre Einschätzung wiedergaben, bestätigten die hohe Akzeptanz.
Zielgruppe waren Menschen in einer frühen und in einer frühen mittleren Phase. Darüber hinaus richtete sich die Zusammensetzung der Gruppe nach den Einschätzungen der Betreuer*innen, sodass auch immer wieder orientierte Bewohner*innen – etwa mit körperlichen Einschränkungen - beteiligt waren. Später konnten wir die Erfahrung machen, dass bei entsprechender Unterstützung auch Menschen in einem weiter fortgeschrittenen Stadium ihrer Demenz teilhaben konnten.

Probleme und Ausblick

Bei der Antragstellung (Mitte 2020) habe ich auf die Schwierigkeiten des Projekts verwiesen. Die wesentlichen Aspekte kann ich zwei Jahre später hier noch einmal bestätigen: Das digitale Format/Projekt ist – immer noch – neu und erscheint mit seinen anspruchsvollen Verschränkungen von Kultur, Demenz und Digitalität geradezu kühn – vor allem da es um ein interaktives Gruppenformat geht! Die Abläufe (z. B. die technischen Settings vor Ort sowie die Schulungen) waren mitten in einer Pandemie nicht sicher planbar. Einige dieser Probleme konnten wir bewältigen, andere nicht. Hinzu kam ein enges Zeitkorsett – bedingt durch die 10-Monats-Vorgabe, aber auch durch eigene Figurationen.

Als Projektleiter bin ich auf großes Engagement der Beteiligten gestoßen, gerade auch bei den Kolleg*innen im Pflegebereich. Das verpflichtete dann jedoch auch zurecht zu einer großen Servicebereitschaft unsererseits, vor allem in der Koordinierung von Terminen und bei mehrfachen Wiederholungen des technischen Settings für die beteiligten Pflegeeinrichtungen. Hinzu kamen ja als Teilnehmende Menschen mit kognitiven Veränderungen. Und ja, es gibt bei (de)mentia+art große Erfahrungen in der analogen Betreuung. Aber das interaktive digitale Format betrat auch hier Neuland. Oder anders gesagt: wir haben viel gewagt und überraschende, im Wesentlichen jedoch positive Erfahrungen machen können. Etwa bei der weit überwiegenden Akzeptanz der digitalen Kommunikation innerhalb dieser hochbetagten und eingeschränkten Gruppe. Oder auch durch die Möglichkeit, Betroffene in einer fortgeschritteneren Phase durch intensive Assistenz vor Ort für ein gemeinsames digitales Entdecken mit einzubeziehen.
Letztlich hat sich bestätigt, dass die Chancen für ein Gelingen als Teil und Ergänzung von kultureller Teilhabe im Rahmen der gerade beschlossenen Nationalen Demenzstrategie die Risiken eindeutig überwogen haben. – Bis auf den Faktor Zeit! Denn die Digitalität und die digitalen Führungen brauchen erkennbar mehr Zeit, um so alltäglich zu werden, dass sie von Pflege und Betreuung mit leichter Hand genutzt werden können. N u n sind die zahlreichen Förderprogramme zur Digitalisierung auch im Pflegebereich sehr willkommen. Für unser Projekt kamen sie jedoch vielfach zu spät.

 



WEITERE INFOS

  • Die digitalen Museumsführungen wurden als ein Beitrag der Kultur in die „Nationale Demenzstrategie“ aufgenommen.
  • Das Abschluss-Video zeigt am Beispiel einer Pflegeeinrichtung, wie man sich die technischen Vorbereitungen und den eigentlichen Ablauf einer solchen digitalen Museumsführung vorstellen kann. Dabei kommen die Betreuer*innen vor Ort ebenso zu Wort wie die teilnehmenden Menschen mit Demenz.

    Video "Digitale Museumsführungen für Menschen mit Demenz (ca. 8 Min.):  H i e r

    Barrierefreiheit
    : Das Video in leichter Sprache und Gebärdensprache ist ebenso dort zu finden. In dieser Video-DGS-Version gebärdet parallel zu unserem Ausgangsvideo eine Gebärdendolmetscherin. Auch lässt sich eine Untertitelung in einfacher Sprache hinzuschalten.

  • Handreichung für den Demenzbereich: https://dementia-und-art.de/attachments/article/581/Handreichung%20Digitale%20Museumsfuehrungen_Demenz.pdf
  • Handreichung für den Bereich psychische Erkrankungen: https://dementia-und-art.de/attachments/article/582/Handreichung%20Digitale%20Museumsfuehrungen%20Gruppe_psych.%20Erkrankungen.pdf

  • Schulungen zu den digitalen Museumsführungen für Menschen mit kognitiven oder psychischen Beeinträchtigungen sind bei (de)mentia+art (nun als kostenpflichtiges Fortbildungsangebot) verfügbar. Wir empfehlen, sie mit einer Qualifizierung zur Kulturbegleitung von Menschen mit kognitiven (Demenz) oder psychischen Beeinträchtigungen zu verbinden.

KONTAKT Jochen Schmauck-Langer, (de)mentia+art; 0157 88345881; Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

"Klicker. Das haben wir viel gespielt!" - Digitale Museumsführung für Menschen mit Demenz im Technoseum, Mannheim

 © Fotos Technoseum Online-Führung "Land und Leute"

Marianne Michailov arbeitet im museumspädagogischen Dienst des TECHNOSEUMs - des baden-würtembergischen Landesmuseums für Technik in Mannheim. Sie nahm an der dreiteiligen Schulung zu digitalen Museumsführungen für Menschen mit Demenz in Pflegeeinrichtungen teil. Ihr Tandempartner war das Ida-Scipio-Pflegeheim in Mannheim, in der Fortbildung vertreten durch die Leiterin der sozialen Betreuung Frau Wojnicki. In ihrem anschaulichen Erfahrungsbericht beschreibt Frau Michailov die Erfahrungen mit einer ersten digitalen Führung für Menschen mit Demenz - die abweichend vom ursprünglichen Setting des Formats von (de)mentia+art im TECHNOSEUM mittels einer Videokonferenz aus dem Museum selbst durchgeführt wurde.



"Gleich vorweg: Die Führung hat mir Riesenspaß gemacht. Beteiligt war das Ida-Scipio-Pflegeheim, die Tandempartnerin vor Ort war Frau Wojnicki. Auch die Einrichtungsleitung Frau Anton hat die Führung angesehen. Die Gruppe bestand aus etwa acht Personen ohne die Pflegekräfte.

Im TECHNOSEUM haben wir in der Zeit des Lockdowns ein technisches Setting für Online-Führungen entwickelt, das wir auch für die Zielgruppe Menschen mit Demenz nutzen. Wir arbeiten mit dem Konferenzsystem Webex. Da wir große, dreidimensionale Objekte und viele Inszenierungen präsentieren möchten, stehe ich vor Ort in der Inszenierung und werde dabei von einem Kameramann gefilmt. Eine „Moderatorin“ überwacht das Signal und kann bei technischen Problemen unterstützen. Die Führung entspricht einer Videokonferenz: Alle Teilnehmenden sind live verbunden und können Fragen stellen, auf die ich direkt eingehe.

Am Anfang hatten wir technische Schwierigkeiten auf Seiten des Pflegeheims: Es war beim System Webex unklar, wie man die Sprecheransicht groß stellt. Positiv war, dass nach all den Beratungen („Rechts oben sollte eine Kachel sein …“, „Klappt es jetzt?“) allen klar war, dass wir live senden und nicht Fernsehen schauen.

Großstadt-Inszenierung um 1900

Wir standen in unserem „Städtischen Boulevard“, einer Großstadt-Inszenierung um 1900. Themen waren eine Pferde-Straßenbahn, Cigarren-Laden, Spielzeugladen, Frisör, Schuster, eine Postkutsche. Wir konnten in die Straßenbahn einsteigen, den Frisör- und Schusterladen betreten und die Auslagen betrachten.

Ich habe mich vorgestellt und noch einmal versucht, eine Online-Konferenz zu erklären („Das ist wie ein Telefongespräch“). Danach war jede/r Teilnehmende groß im Bild und hat sich vorgestellt und ich habe den Namen wiederholt. Frau Wojnicki meinte später, diesen Teil könne man vielleicht weglassen, weil er doch sehr lang ist und möglicherweise nichts bringt. Wie sind Ihre Erfahrungen? Vielleicht sollte man auch eine gezieltere Einführung wählen, etwa: „Auf der Leinwand sehen Sie die Frau Michailov. Können Sie sich ihr bitte vorstellen? Sie kann Sie hören.“

Die Führung selbst lief sehr gut. Rege Beteiligung von 2 – 3 Personen. Es gab sehr schöne Bemerkungen der Teilnehmenden. Zum Beispiel bei der alten Pferde-Straßenbahn: „In welcher Straßenbahn möchten Sie lieber fahren: in der modernen oder in dieser hier?“ Antwort mit heftiger Überzeugung: „Dieser!“

Was die Führung lebhafter machte, war, dass ich die Teilnehmenden bei der Auswahl der Objekte mit einbeziehen konnte. Ich konnte fragen, ob wir zuerst zum Frisörladen gehen oder zum Schusterladen. Die Antwort kam allerdings von Frau Wojnicki, ich bin nicht sicher, ob den Teilnehmenden die Option ganz bewusst geworden ist. Mein Vorsatz: allen Durchführenden zu ganz viel Gelassenheit raten. Man muss eine Balance finden zwischen der Freude, als ob man das zum ersten Mal erlebt und alles neu ist und der Aufgabe der Vermittlung, z. B. die Teilnehmenden stärker ansprechen: „Was meinen Sie, gehen wir zuerst zum Frisörladen?“

"Hoch auf dem gelben Wagen"

Frau Wojnicki hatte passend zu den Führungsthemen andere Sinneseindrücke vorbereitet. Bei der Postkutsche hatte sie den Liedtext von „Hoch auf dem gelben Wagen“ vorbereitet und die Musik dazu abgespielt. Als ich einen Parfümautomat vorgeführt habe, hat sie Parfüm in die Luft gesprüht und ist mit dem Fläschchen auch zu jeder und jedem einzelnen Teilnehmenden gegangen. Diese Eindrücke, vor allem das Singen, haben die Führung sehr belebt und den Teilnehmenden gut gefallen. Als das Parfüm verteilt wurde (das dauerte ein wenig, weil jede Person einzeln angesprochen wurde) ist unsere Dampflok gerade gefahren. Also konnten wir stumm die Fahrt mitfilmen, während Frau Wojnicki im Heim agierte.

Wir hatten einen schönen Moment im Spielzeugladen: Im Bild: Murmeln. Eine Bewohnerin sagte: „Wir haben Klicker dazu gesagt. Klicker. Das haben wir viel gespielt.“ Ich: „Ja, wir haben auch Klicker gesagt. Haben Sie mit Einsatz gespielt?“ (Ich wollte testen, ob die Bewohnerin folgen kann. Einsatz bedeutet, dass der Gewinner beide Murmeln behält). Antwort: „Ja, klar, immer mit Einsatz.“ Ich: „Uhh, das habe ich mich nicht getraut. Ich hatte Angst um meine Murmeln. Haben Sie oft gewonnen?“ Antwort: „Naja, mal hat man gewonnen und mal hat man verloren.“ Mein Eindruck im Gespräch war, dass die Dame sehr aktiv am Gespräch teilgenommen hat. Rückblickend könnte es allerdings auch sein, dass ich die Antworten impliziert habe und sie (wie auch bei der Straßenbahn) nur die gewünschte Antwort gegeben hat. Ich brauche da noch mehr Erfahrung.

"Klicker. Das haben wir viel gespielt."

Das Beste war allerdings der Tabakladen: In der Auslage waren Pfeifen zu sehen. Ich hasse den Geruch von Pfeifentabak, aber viele Leute mögen das gerne. Ich fragte also: „Pfeifen haben ja so einen typischen Geruch. Mögen Sie den Geruch von Pfeifentabak?“

Bewohnerin heftig: „Nä! Gar nicht!“ – Ich musste so lachen! Und jetzt konnte ich zugeben, dass ich den Geruch auch nicht mag. Da bin ich sicher, dass ich diese Antwort nicht vorgegeben habe.

Zum Abschluss bemerkte eine Dame, es sei schön gewesen, die alten Sachen wiederzusehen. Diese Lob galt mehr dem TECHNOSEUM, aber es hat mich trotzdem gefreut.

Eine Führung im TECHNOSEUM erreicht die Menschen auf einer anderen emotionalen Ebene als Kunst, aber ich konnte erreichen, dass ein paar Teilnehmende eine Erfahrung gemacht haben, die sich von der Gewohnheit abhebt und sie aus dem Alltag heraushebt. Und eine Erfahrung, die einen den Alltag wieder bewusster und anders wahrnehmen lässt, ist ja auch ein Ziel eines Museumsbesuchs. Natürlich kann ich nicht sagen, ob dieser Effekt wirklich eingetreten ist. Aber die ganze Erfahrung war sehr schön."
 
Marianne Michailov


HINWEIS  Die Stadt Mannheim veranstaltet die einander.Aktionstage vom 25.9.-24.10.21

Fr., 1.10.21, 16 Uhr  Online-Veranstaltung: „Menschen in Pflegeeinrichtungen im TECHNOSEUM“
Zielgruppe: Pflegekräfte und Leitungen von Pflege-Einrichtungen, Soziale Dienste / Dauer: 45 Min.
Das TECHNOSEUM und das Ida-Scipio-Heim in Mannheim sind vereint in ihrem Anliegen, den Bewohnerinnen und Bewohnern der Einrichtung Online-Besuche in der Kulturinstitution zu ermöglichen. Am konkreten Beispiel der Exponate im städtischen Boulevard werden Informationen und Erfahrungen über diese Zusammenarbeit ausgetauscht, wie etwa Tipps zum technischen Setting u.a.m. / Kosten: kostenfrei / Anmeldung: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! / https://www.einander-manifest.de/einander-aktionstage.html

 

Projektvideo "Digitale Museumsführungen für Menschen mit Demenz in Pflegeeinrichtungen"

[© Ferdinand Hodler: Bildnis der Giulia Leonardi, Museum Wallraf-Richartz / Seniorenhaus St. Josef, Meckenheim]

Das Projekt "Digitale Museumsführungen für Menschen mit Demenz in Pflegeeinrichtungen" wurde von (de)mentia+art auf Grund der Erfahrungen mit Pandemie, Vereinsamung und Isolation entwickelt. Basis dafür waren unsere Erfahrungen bei analogen Führungen in vielen verschiedenen Museen. Als bundesweites Projekt wurde das neue Format vom Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) gefördert.

Das besondere an diesen digitalen Führungen: es handelt sich auch im digitalen Raum um ein interaktives, teilhabeorientiertes und ressourcen-aktivierendes Format. Das Abschluss-Video zeigt nun am Beispiel einer Pflegeeinrichtung, wie man sich die technischen Vorbereitungen und den eigentlichen Ablauf einer solchen digitalen Museumsführung vorstellen kann. Dabei kommen die Betreuer*innen vor Ort ebenso zu Wort wie die teilnehmenden Menschen mit Demenz.

Video "Digitale Museumsführungen für Menschen mit Demenz (ca. 8 Min.):  H i e r

Barrierefreiheit:  In dieser Video-DGS-Version gebärdet parallel zu unserem Ausgangsvideo eine Gebärdendolmetscherin. Auch lässt sich eine Untertitelung in einfacher Sprache hinzuschalten.

Digitale Museumsführungen für Menschen mit Demenz (DGS-Version)

Das Video in leichter Sprache und Gebärdensprache finden Sie:  H i e r

Von Graz über die Rhön zum Schokoladenmuseum - Erfahrungsaustausch Kulturbegleitung für Menschen mit Demenz

[Foto: Digitaler Erfahrungsaustausch, (de)mentia+art]

Es war ein sehr vielfältiger, reger Austausch von 12 Teilnehmer*innen, die 2020/21 an verschiedenen Fortbildungen von (de)mentia+art teilgenommen hatten. Die meisten von ihnen an der vom Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung (Rheinland-Pfalz) zum fünften Mal organisierten Schulung zur Kulturbegleitung von Menschen mit Demenz. Die Schulung hatte, ebenso wie die anderen dreitägigen Fortbildungen, online stattgefunden. Eine wichtige Frage war, ob man angesichts der immer noch andauernden Pandemie überhaupt Museumsangebote für Menschen mit Demenz hatte realisieren können...? Sie wurde durch eine Vielzahl von unterschiedlichen Projekten beantwortet.

Weiterlesen: Von Graz über die Rhön zum Schokoladenmuseum - Erfahrungsaustausch Kulturbegleitung für Menschen...

Kulturelle Begleitung für Menschen mit Demenz in Oldenburg

Die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen bereichert das Leben auf vielfältigste Weise. Das gilt auch für Menschen mit Demenz. Der Besuch in einem historischen oder einem Kunstmuseum kann alte Erinnerungen wecken, die Begegnung mit Bildern und Objekten ein Erlebnis für alle Sinne sein.


© Stadt Oldenburg

Teilhabe am öffentlichen und damit auch am kulturellen Leben einer Gesellschaft ist ein Menschenrecht. Welche Voraussetzungen müssen vorhanden sein, um einen freien Zugang für Menschen mit Demenz zu verschiedenen kulturellen Angeboten zu schaffen?

Weiterlesen: Kulturelle Begleitung für Menschen mit Demenz in Oldenburg

Praxisbericht Einzelbetreuung „Kulturbegleitung für Menschen mit Demenz“

Martina Schwarz hat über die Praxisaufgabe nach der Fortbildung 'Kulturbegleitung für Menschen mit Demenz' in Mainz einen sehr anschaulichen Bericht geschrieben, der auch die Schwierigkeiten einer Begleitung nicht verschweigt.


Nach dem hilfreichen und motivierenden Seminar vom 22.-24.10.2019 in Mainz habe ich mir die Museen in der Umgebung meines Heimatortes angesehen. Leider musste ich feststellen, dass die örtlichen Gegebenheiten für einen Besuch mit mehreren Personen mit Demenz relativ schlecht waren. Es wurden zu viele Exponate auf zu kleinem Raum gezeigt. Das wurde auch von Beschäftigten in Senioreneinrichtungen so gesehen. Es gab große Vorbehalte gegen einen Besuch. Besonders der von Ihnen zu leistende Aufwand wurde als zu hoch eingeschätzt. Das war auch der Grund, warum ein Museum in Hanau (Puppenmuseum) sich entschlossen hatte, einen Mitarbeiter mit einem gefüllten Koffer ins Seniorenheim zu schicken, anstatt vor Ort Exponate vorzustellen.

Weiterlesen: Praxisbericht Einzelbetreuung „Kulturbegleitung für Menschen mit Demenz“

Ein Ding der Unmöglichkeit? - Wie Konzerte für Menschen mit Demenz in die Tat umgesetzt werden

Ein Mut machendes Interview mit Jochen Schmauck-Langer von (de)mentia+art


Foto: Raimund Adamsky

TEIL 1: Die Logistik

“Meine Damen, meine Herren, für viele von Ihnen war das ein langer Weg! Sie sind hier zu Gast beim WDR am Wallrafplatz, gleich neben dem Kölner Dom. Mitglieder des WDR Sinfonieorchesters spielen heute für Sie.“ 

Es sind stets die gleichen Worte, mit denen sich Jochen Schmauck-Langer von (de)mentia+art an die Menschen im vollbesetzten Kleinen Sendesaal wendet. Doch was ist zu tun, bis es so weit ist? Sylvia Wackernagel, Social Media-Beauftragte von (de)mentia+art, fragte nach.

Weiterlesen: Ein Ding der Unmöglichkeit? - Wie Konzerte für Menschen mit Demenz in die Tat umgesetzt werden

Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen eine Stimme geben. Bericht über eine Fortbildung

 
 
‚Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen eine Stimme geben’. Das war für eine Teilnehmerin an der Fortbildung von dementia+art im Museum Ludwig Köln eine der ersten bleibenden Erkenntnisse. Aber wie sollte das gehen? Wie konnte man sich das konkret vorstellen? 
Einige der Teilnehmenden hatten schon bei der Anmeldung erwähnt, dass sie aus Häusern ohne ‚klassische‘ Kunstsammlung kamen. Oder dass sie bisher eher in kunsttherapeutischen Bereichen unterwegs waren. Andere, TeilnehmerInnen aus dem betreuenden oder gar klinischen Bereich, brachten zurecht die skeptische Neugier mit, ob sich der Sinn eines reinen Museumsformats legitimieren ließe... 

Ein Esel in der Kirche? - Ein Besuch im Museum Schnütgen

Der kleine (leicht gekürzte) Bericht von Gabriele Sauer erschien zuerst in der Monatszeitung des Kölner Clarenbachwerks. Er gibt einen unterhaltsamen Einblick in eine neue Führung des Museumsdienstes Köln für Menschen mit und ohne Demenz im Museum Schnütgen. Das Museum ist zu einem großen Teil in der romanischen Pfarrkirche St. Cäcilie untergebracht.


Was will ausgerechnet ein Esel in einer der zwölf romanischen Kirchen Kölns? - Ältere Kölner Kunstfreunde erinnern sich bestimmt noch, wie die über tausend Jahre alte Basilika St. Cäcilien in den 50er-Jahren zum Museum umgewidmet wurde. Im ehrwürdigen Kirchenbau sind seitdem viele der über 10.000 kostbaren, sakralen Kunstwerke aus dem Mittelalter ausgestellt, die der katholische Theologe und Kölner Domherr Alexander Schnütgen in vierzig Jahren zusammentrug. Über die beeindruckende Sammlung und Schnütgen selbst (1843 - 1918), der schon zu Lebzeiten ein angesehener Kunst-Experte und später Ehrenbürger der Stadt Köln war, berichteten wir bereits nach einem Ausflug im Juni-Magazin ClarenbachAktuell.

Weiterlesen: Ein Esel in der Kirche? - Ein Besuch im Museum Schnütgen

Bericht: Schüler*innen der Hilde Domin-Schule erleben 'Kunst für die Seele'

Das Projekt 'Kunst für die Seele' erlaubt es uns - in Kooperation mit der Eckhard Busch Stiftung und dem Museumsdienst Köln - Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen und Seniorengruppen mit psychischen Erkrankungen und emotionalen Krisen besondere ästhetische und soziale Erfahrungen in verschiedenen Kölner Museen anzubieten. Die Hilde-Domin-Schule hat vor der Sommerpause erstmals daran teilgenommen. Die verantwortliche Lehrerin Andrea Dierkes berichtet nachfolgend über die Erfahrungen mit zwei Museumsbesuchen.

Weiterlesen: Bericht: Schüler*innen der Hilde Domin-Schule erleben 'Kunst für die Seele'

Additional information