Spargelzeit

"Der ist nicht richtig hart!" Ein alter, weißhaariger Mann beschreibt in einer Führung für Menschen mit Demenz im Wallraf-Richartz Museum ein Gemälde von Edouard Manet. Seine Meinung unterstreicht er mit einer Geste, führt dabei Daumen und Zeigefinger der rechten Hand bis auf etwa zwei Zentimeter zusammen: "Der ist irgendwie - weich!" 

Das Bild zeigt ein dickes Bündel geschälten, kochfertigen Spargel. Offenbar hat die Bildebene eigene Erfahrungen angesprochen, lebensweltliche Bezüge von hochaltrigen Menschen, visuelle Eindrücke, die allen gleichermaßen zugänglich sind. Der Name des Malers, das Entstehungsjahr, die Stilrichtung, die kunstgeschichtliche Bedeutung - all das ist kein Thema. Und so drehte sich das 'Gespräch' bald um die Qualität des Spargels und wie man sie überprüfen könnte... Die meist sehr kurzen Bemerkungen, Halbsätze, Worte werden durch den Museumsführer für die ganze Gruppe 'aufbereitet'. Dies geschieht stets in Rückkopplung zu dem Gemälde, dessen Feinheiten der Darstellung auf diese Weise gemeinsam entdeckt werden.

Mehr und mehr erinnern die Beschreibungen an die Verheißungen, die sinnlichen Genüsse, die etwa Marcel Proust über Spargel in der klassischen französischen Küche bis ins feinste Detail beschreibt: "in Ultramarin und Rosa getaucht (…) in zartem Violett und Himmelblau". Er kannte das Bild von Manet - aber hier im Museum brauchen wir seine Beschreibung nicht.

Können wir so viel Alltag bei einer 'normalen' Führung erwarten? Oder überlagert die kunsthistorische und museumspädagogische Sicht nicht selten alles bis hin zur Bedeutungslosigkeit des einzelnen Objekts? Wer würde sich heute noch 'trauen', gleichsam nackt mit einer Gruppe von Museumsbesuchern vor ein Bild zu treten, um es gemeinsam zu entdecken;  n u r  auf der Basis dessen, was allen sichtbar ist...?

Diese 'Schule des Sehens' ist ohne Zweifel aus der Mode gekommen. Oder anders gesagt: aus der Zeit gefallen. Nicht von ungefähr haben wir bei dementia+art eine solche Art der Vermittlung für Menschen mit Demenz entwickelt. Wir versuchen damit Menschen mit Demenz ein Stück weit in die Zeit zurückzuholen, indem wir kognitive Fähigkeiten nicht ohne weiteres voraussetzen, sondern auf der Bild/Objekt-Ebene gemeinsame lebensweltliche Bezüge ansteuern, Erfahrungen, Erinnerungen, Emotionen. Menschen mit Demenz (und nicht nur solche) erleben sich an einem herausgehobenen öffentlichen Ort als Besucher, die aufgrund ihrer Ressourcen und Fähigkeiten aktiv am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

"Neue Kartoffeln" und "Holländische Sauce" sind beim Thema Spargel nicht fern: keine Tütchensoße, sondern frisch aufgeschlagen im Wasserbad, mit Eigelb, reichlich Butter (zimmerwarm), einigen Tropfen Zitronensaft oder Estragonessig und - Geduld. Alle Beteiligten im Museum sind sich einig,  g e n a u  d a s  für den nächsten Sonntag auf die Speisekarte zu setzen. Zuhause oder in der Einrichtung...

Der Umgang mit Menschen mit Demenz ist kein 'Handlungsfeld' im demographischen Wandel, sondern Begegnung. Dabei begegnen wir vielfach einer weiteren scheinbar 'fremden' Kultur, die zu uns gekommen ist, in unsere kognitiv gesteuerte, durchdeklinierte Welt, und uns bereichern kann. Denken Sie daran, wenn jetzt die Spargelzeit vor der Tür steht!


Entdecken lassen sich solche sinnlichen Genüsse bei Museumsführungen: Regionale Kulturtermine/Köln.
Eine Fortbildung als Erfahrungsaustausch über Angebote in verschiedenen Museum verbunden mit praktischen Übungen vor Bildern/Objekten finden Sie h i e r.

[Vorwort zum Newsletter 4/2017 von dementia+art]

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